Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
371
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2001, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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SCHLEICH, Johann: Hexen, Zauberer und Teufelskult in Österreich.Graz, Steirische Verlagsgesellschaft, 1999. 176 Seiten, Schwarzweißabb.

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Wo Informationen fehlen, wachsen die Gerüchte, meint der italienischeSchriftsteller Alberto Moravia. Wo Experten längst ihr Urteil gefällt haben,blühen dennoch Spekulationen und Blüten dieser Spekulationen umgebensich mit wissenschaftlichem Nimbus. In Diskussionen( auch mit Akademi-kern) ist bemerkenswert, wie stark in diese Richtung argumentiert wird. Diemächtige okkulte Welle, die Esoterisches aller Art zu einer neuen Volksre-ligion vereint, ist zur Jahrtausendwende keineswegs abgeebbt. Mythen,Mysteriöses und Mystifikationen zählen nach wie vor zu den Lieblingsthe-men vieler Autoren und Hobbyforscher. Kein Wunder, dass sich eine Reihevon Neuerscheinungen mit den geheimnisvollen Tiefen der Erde, der Stadtund zugleich der menschlichen Natur, beschäftigt.

Peter Ryborz engagiert sich seit fünf Jahren für das ,, unterirdische Poten-tial". ,, Wien ist unders, meint er und appelliert ,, Rättet die Unterwelt! Einbesonderes Anliegen ist ihm die Wienflusseinwölbung, die in dieser Formnicht mehr lange bestehen wird. Sein Projekt, dort ein Amphitheater unter-zubringen, hat zwar bei einem EU- Wettbewerb einen Preis erhalten, ist aberdanach ungehört verhallt. So setzt Ryborz mit seinem Creativ- Büro auf dieHomepage www.unterwelt.at und auf spektakuläre Veranstaltungen: Beglei-tet von Musikern und Fackelträgern führt er Interessierte auf den Spuren desDritten Mannes durch das Kanalnetz und organisiert moderne Mysterien-spiele( im Sommer 2001,, Innana, die Göttin in der Unterwelt") im Wien-flusstunnel. Das Buch, Unter Wien" hat er gemeinsam mit dem WienerHistoriker Marcello La Speranza und dem deutschen Volkskundler Alexan-der Glück verfasst. Reich illustriert und gleichermaßen fundiert wie span-nend geschrieben, bietet es eine Reihe von Informationen über die ,, Unter-stadt. Die Hauptkapitel behandeln Legionslager, Minenöfen und Luft-schutzbunker" ,,, Kulträume, Grüfte, Katakomben ,,, Keller und Archive",,, Versorgung einer Metropole ,,, Leben unter der Stadt" ,,, Kommunikationund Verkehr, Imaginäre Unterwelten und Zukunftsperspektiven.Durch die Teamarbeit der Autoren, die aus unterschiedlichen Fachrichtun-gen kommen, entstand das faszinierende Bild eines anderen Wien, dasbislang wenig Bekanntes ans Licht bringt und dabei den Boden der Seriositätnicht verlässt.

Manche Buchtitel provozieren die Unterstellung haltloser Spekulationen.Was lässt sich unter dem Etikett ,, Kulthöhlen in Europa. Götter, Geister undDämonen erwarten? Würde man nicht die Autoren kennen, wohl wenigGutes. Der Grazer Universitätslektor Heinrich Kusch ist ein anerkannterAnthropospeläologe und Prähistoriker, Ingrid Kusch eine international be-