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Literatur der Volkskunde
ÖZV LV/ 104
BAUSINGER, Hermann: ,, Typisch deutsch. Wie deutsch sind die Deut-schen?". München, C. H. Beck Verlag( Beck'sche Reihe 1348), 2000, 176Seiten.
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, Wie deutsch sind die Deutschen?" fragt Hermann Bausinger im Untertitelseines in der Beck'schen Reihe erschienenen Buches ,, Typisch deutsch“,wohl wissend, dass eine befriedigende Antwort auf diese Frage nicht mög-lich sein kann. Aber diesen Anspruch erhebt der emeritierte Professor fürEmpirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen, wo er sich unteranderem mit deutschen Identitätspolitiken beschäftigte, auch gar nicht. Ihninteressiert vielmehr, wie nationale Etikettierungen à la ,, typisch deutsch"entstanden sind, wie sie sich in den Köpfen der Menschen festsetzen undwie sie sich manifestieren, je nach historischer Situation interpretiert werdenund ob sie heute, in Zeiten der Globalisierung und Pluralisierung nichtohnehin schon obsolet geworden sind.
Es ist also keine aktuelle Version einer nationalen Charakterisierung derDeutschen, die Bausinger hier konstruiert, er widmet sich in jedem Kapitel,Punkt für Punkt, der Dekonstruktion der vorhandenen Klischees, Stereoty-pen, Vorurteile und Pauschalisierungen von den und über die Deutschen.Bausinger leitet sein Buch mit allgemeinen Betrachtungen von nationalenTypisierungen und ihrem Einfluss auf das Denken und Handeln der Men-schen ein. Er zeigt an Beispielen, wie sie konstruiert werden, welcheFunktion sie erfüllen und wie sie sich gegebenenfalls auch verändern,abschwächen oder neu aufladen können. Dann nimmt er sich angeblicher,, nationaler Eigenheiten" an, von der Ordnungsliebe über die Vereinsmeiereibis zur Humorlosigkeit, um im dritten Kapitel über ,, nationale Symbole undSymbolgestalten“ etwa die Nationalfarben rot, gold und schwarz oder den,, deutschen Michel" unter die Lupe zu nehmen. Dabei verfolgt der Autor dieeinzelnen Zuschreibungen und Symbole in ihrer historische Dimension undTiefe, versucht ihren Entstehungszusammenhang offen zu legen, zeigt dieVeränderungen ihrer Interpretation und Funktion in den jeweiligen histori-schen Kontexten und fragt nach ihrer Gültigkeit und Bedeutung in derGegenwart. Im letzten Kapitel mit dem Titel ,, Typisch deutsch- ein Aus-laufmodell?" wendet sich Bausinger abschließend den aktuellen Fragestel-lungen nach den Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung, der Zu-wanderung und der Globalisierung auf die nationalen Selbstbilder undIdentitäten der Deutschen zu. Dabei kommt er zu folgendem Befund überdie gegenwärtige Rolle nationaler Etikettierungen: ,, Es hat den Anschein,daß es sehr viel schwieriger geworden ist, zu allgemeinen Charakterisierun-gen zu kommen. Eine tragende Schicht ist nicht mehr erkennbar, die sozialenVerhältnisse sind insgesamt diffuser und unübersichtlicher geworden.[...]