Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LV/ 104, Wien 2001, 405-424
Das Leben als Reise
oder:
Warum brauchen wir Kulturwissenschaft?'
Helge Gerndt
Der Beitrag skizziert Bildvorstellungen über das menschlicheLeben( Pilgerfahrt, Schicksalsrad, Lebenstreppe, Körper-puzzle, Alterspyramide), die in jüngerer Zeit zunehmend ein-deutiger und berechenbarer erscheinen. Die Frage, ob das alsGewinn oder Verlust zu werten ist, führt zur Unterscheidungverschiedener Wirklichkeitsaspekte, denen jeweils bestimmteArten des Wissens korrespondieren. Es wird dargelegt, daßdiese alle gleichermaßen unverzichtbar sind und daß spezielldas komplexe Bildwissen der Kulturwissenschaften zwischendem Begriffswissen der Naturwissenschaften und dem Ah-nungswissen der Kunst zu vermitteln aufgerufen ist.
Unter den Bildvorstellungen, die das Alltagsleben prägen, sind nichtzuletzt jene Imaginationen, die sich die Menschen von ihrem Lebenmachen oder gemacht haben, besonders vielfältig. ,, Unser Lebengleicht der Reise/ eines Wandrers in der Nacht:/ Jeder hat auf seinemGleise/ etwas, das ihm Kummer macht“, heißt es im Beresina- Liedvon 1812. Da erscheint es reizvoll, zu einer kurzen Gedankenreisedurch menschliche Vorstellungswelten aufzubrechen und zu fragen,was dieses und ähnliche Bilder bedeuten. Bedeuten in mehrfacherHinsicht: Welchen Sinn sie tragen, welche Wirkung sie entfalten undwas sich aus ihrer Gegenwärtigkeit bzw. ihrem Vergessensein inbestimmter Zeit für eben diese Zeit ablesen läßt. Ein Volkskundlergeht von seiner alltäglichen Lebenswelt aus. Er fragt, warum wirgerade so leben, wie wir es tun; er möchte erkennen und verstehen,auf welche Weise die je gegebenen kulturellen Traditionen und ge-sellschaftlichen Zwänge unser Leben ganz konkret mitgestalten.
1 Festvortrag auf der Promotionsfeier der philosophischen Fakultäten der Univer-sität München, 26. Februar 2001( um einige Bilder verkürzt, leicht redigiert unddurch Belegnachweise ergänzt).
2 Baumer, I.: Wallfahrt als Metapher. In: Kriss- Rettenbeck, L., G. Möhler( Hg.):Wallfahrt kennt keine Grenzen. München, Zürich 1984, S. 55-64, hier S. 55.