Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
457
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2001, Heft 4

Chronik der Volkskunde

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Private Archive der Wissenschaften*

Sehr verehrte Frau Thea- Maria, liebe Cornelia, Theresa und lieber HerrBeitl, liebe Kolleginnen und Kollegen, Studentinnen und Studenten!

Die Übergabe eines privaten wissenschaftlichen Archivs ist wohl für denHistoriker als ob er einen Schatz findet und ihn obendrein noch behaltendarf. Jacob Grimm hatte 1860 in einem Akademie- Vortrag die Geschichtevom Schatz auf der Brücke behandelt, in der ein junger Bauer- nach einerSage ein Bruder Karls des Großen- nachts von einem weitgereisten Mannegeweckt wird, der zu ihm sagt: ,, Hoderich, sobald der Tag anbricht, sollstDu aufstehen und nach Paris gehen auf die Brücke, da soll dir Lieb und Leidgeschehen, mehr Bescheid sage ich dir nicht." Hoderich hielt das für Trug,drehte sich auf die Seite und schlief weiter. Dabei blieb es nicht. Der fremdeHerr kam in der nächsten Nacht wieder, gleichermaßen erfolglos, und erversuchte es zum dritten Male. Der schwerfällige Arbeitsmann machte sichendlich auf nach Paris. Als er auf der Brücke saß und wartete, was nunkomme, trat Einer zu ihm, grüßte und fragte, was er hier anfangen wolle.,, Ach", sagte Hoderich ,,, ich komme vom Dorfe Balduch, dreimal kam umMitternacht ein Fremder an mein Bett und sagte, ich sollte hierher gehen...",, Ja, dass du ein Tor bist, das sieht man, erwiderte der Mann. ,, Mich hießvoriges Jahr um Mitternacht auch Einer nachts aufstehen und nach demDorfe Balduch ziehen, dort würde ich unter der grünen Weide am Bach einenreichen Schatz finden. Wäre ich so dumm gewesen, um eines Spuks willensolchen Gang zu tun, ich hätte verdient, hart geschlagen zu werden." Miteinem Male wurde der Mann zornig. ,, Für Deine Einfalt, rief er ,,, gebührtdir wenigstens von der Hand ein Backenschlag." Und ehe der Bauer sich'sversah, saß der Schlag. Der erweckte den Bauern, und er verstand denSpruch, dass unter der wohlbekannten heimischen Weide der Schatz vergra-ben lag. Er zog heim und grub in der nächsten Nacht mit seinem Brudereinen reichen Fund in einem bleiernen Topfe aus.

Hierher nun, in unser Institut ist durch gute Fügung, Wohlwollen undverantwortende Gesinnung in einer Gelehrtenfamilie ebenfalls ein Schatzgelangt, ohne dass wir hätten nach Paris oder Wien reisen und uns Prüfungenunterziehen müssen. Wir besitzen seit heute das Nachlass- Archiv RichardBeit( 1900-1982), ein privates Archiv, das der Forschung nun zur Verfü-gung steht.

Private Archive in den Wissenschaften besitzen etwas Eigenartiges:Durch sie verknüpft sich die Geschichte der Disziplin eng mit der Arbeits-weise und den Lebenserfahrungen, mit der Individualität eines Gelehrten.

* Rede anläßlich der Übergabe des Archivs Richard Beitl an die Landesstelle fürBerlin- Brandenburgische Volkskunde am 12. Juni 2001.