Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LV/ 104

Komplexe Welt

Kulturelle Ordnungssysteme als Orientierung

33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde Jena,24. bis 28. September 2001

Dass, die Frage nach den kulturellen Ordnungen zu den das Fach konstitu-ierenden Konzepten[ gehört]', wie Silke Göttsch, die 1. Vorsitzende der dgv,im Vorwort des Programmheftes den Teilnehmerinnen und Teilnehmern desKongresses nochmals versicherte, steht außer Frage. Auch, dass das FachVolkskunde sich diesen Fragen stellt, wird man nach einem Kongress mitüber 40 Vorträgen( 9 davon im Plenum) bestätigen können. Ob aber- wiees weiter heißt- diese Volkskunde, ganz eigene Perspektiven zu entwickelnversteht, würde wohl kaum die ungeteilte Zustimmung der rund 300 Teil-nehmenden finden. Denn die meisten werden diesen Kongress wohl mitgemischten Gefühlen verlassen haben. Glücklich vielleicht darüber, dass mitder Wahl des- das Fach wie auch andere Disziplinen in der Tat herausfor-dernden Themas die gerne in Dichotomien gepackten Bringschulden desFaches überwunden zu sein schienen: mit Männlich. Weiblich'( Marburg1997) und zuletzt, Natur Kultur'( Halle 1999) hatte man sich ja mit einergewissen Tendenz zur Beliebigkeit zugleich wenig überraschende Argu-mentationslinien, wenn nicht enttäuschende Ergebnisse eingehandelt. Un-glücklich aber vielleicht über die weitgehende Weigerung, sich auf die, komplexe Welt' tatsächlich einzulassen und die kulturellen Ordnungen undOrientierungen nicht nur miteinander, sondern auch mit disziplinärem Wis-sen in Beziehung zu setzen, oder aber angesichts diagnostizierter Komple-xität die grundsätzliche Tauglichkeit der Begriffe und Instrumente zu pro-blematisieren. Dass dieser Mangel dem vielbemühten Schock der Ereignissevom 11. September geschuldet war, kann angesichts der deutlichen Worte,die Silke Göttsch( Kiel) in ihrer Eröffnung zu der unvorhersehbaren Brisanzdes Themas fand, kaum in Betracht gezogen werden.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen: Gottfried Korff( Tü-bingen) entrollte in seinem Eröffnungsvortrag mit dem bei Walter Sernergeliehenen Titel, Über Denkmäler, Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber und Laternen vier Jenaer Schlag-bilder, in denen die gesellschaftliche Produktion von Ordnungen und diestarke Rolle der Kulturwissenschaften sichtbar wurden. Er stellte dabei einubiquitäres kulturwissenschaftliches Denken in Ordnungsparadigmen inkonkreten und mit dem Anlass entsprechend- hilfreichem Lokalkoloritversehenen Exempeln zur Diskussion: mit Fichte, Haeckel, Naumann undNiethammer zeigte Korff Stationen der Wissensarbeit am kulturalistischenParadigma auf ein Paradigma, dem zufolge Individuen wie auch natürlich