2001, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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CSAKY, Moritz, Peter STACHEL( Hg.): Speicher des Gedächtnisses.Bibliotheken, Museen, Archive. Teil 1: Absage an und Wiederherstellung vonVergangenheit. Kompensation von Geschichtsverlust. Teil 2: Die Erfindungdes Ursprungs. Die Systematisierung der Zeit. 2 Bde. Wien, Passagen Ver-lag, 2000, 250 u. 274 Seiten, s/ w- Abb.
Ein Unternehmen mit deutlich mehr als 500 Seiten und 26 Autoren zubesprechen erfordert eine gute Portion Entschiedenheit vom Rezensenten.Immerhin weist die Gliederung der Beiträge eine deutliche Zielrichtung auf:Nach Absage und Kompensation treten Ursprungsmythen und dann dieSystematisierung von Zeit.
Ernst Schulin betont in seiner ,, Absage an und Wiederherstellung vonVergangenheit“:„ Historiker müssen bei ihren Rekonstruktionsversuchennicht nur Mythen und Illusionen berücksichtigen, Traditionen beachten undErinnerungen bewahren, sondern eben auch Tatsachen ermitteln, Tatsachen-wahrheiten verwalten, Traditions- und Erinnerungskritik leisten.“( S. 37)Gottfried Korff macht sich da Gedanken ,, Zum Verhältnis von Deponierenund Exponieren im Museum" und er bricht ein Lanze für das Inszenierender Objekte, also für die Bühne, Ausstellung. Spannend liest sich derBericht Manfried Rauchensteiners zu den Problemen, ein österreichischesNationalmuseum zu schaffen. Mit Krzystof Pomian ist er der Meinung, dassnoch nicht jede Benutzung des Wortes, national' auch gleich schon etwasReaktionäres ausdrücke, es sich vielmehr gezeigt habe ,,, dass Nationalge-schichte sehr wohl als ein Deutungsmuster europäischer, ja zivilisatorischerPhänomene gelten kann“( S. 81).
Konrad Köstlins Aufsatz zum Heimatmuseum trägt erneut die Kritik am,, missverstandenen Alltagsbegriff“ dieser Einrichtungen vor, die er etwas her-ablassend mit Wolfgang Lipp als ,, Dauerfestival der kleinen Leute“ versteht( S. 94 f). Wolfgang Ernst leistet eine ,, Kritik der Begriffe, Erinnerung' und, Kollektives Gedächtnis" in schon recht essayhafter Art, während MonikaSommer in ihrem Bericht über das Steiermärkische Landesmuseum Joanneumsehr stringent die Museumsgeschichte als historisch sich stets wandelndeGeschichte des Gedächtniswillens liest. Bei diesem längeren Beitrag fällt auf,wie schön es gewesen wäre, wenn diese Edition mit Kopfzeilen und Kurztitelnversehen worden wäre. Jan Assmann beschreibt den Weg vom kommunikativenzum kulturellen Gedächtnis in einer Philosophiegeschichte, Beatrix Krillerdagegen stellt ganz konkret das Kunsthistorische Museum Wien als gebautesHandwerkszeug der Wissenschaft in seiner Geschichte dar.
Der zweite Band( Erfindung, Systematisierung) fasst ebenso heterogeneBestandteile zusammen wie der erste. Aleida Assmann assoziiert zwischeneinerseits Archiv und Speicher und andererseits Kanon und Erinnern. Dabei