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Literatur der Volkskunde
ÖZV LV/ 104
empfinde ich ihre Setzungen mitunter als vorschnell, etwa wenn sie sagt:,, Unter den Denkmälern gibt es zwei entgegengesetzte Arten: die heroi-schen, die eine Person, Idee oder Tat verewigen, und die traumatischen, diedie Wunde einer Erinnerung offen halten wollen.“( S. 26) Andreas Finger-nagel gibt eine eher konventionelle Darstellung des Ursprungsmythos derWiener Hofbibliothek und Hans Petschar folgt ihm darin mit einer Skizzeüber die kaiserliche Bibliothek in Wien. Die Rolle der Bibliothek desOssolinius für das Polentum schildert Lucjan Puchalski. Es folgen wirbefinden uns im Teil drei der Publikation: Erfindung des Ursprungs-Beiträge zur Geschichte des Wiener Staatsarchives, zum Jüdischen MuseumWien, über historische Vereine, die österreichische Volksmusikforschung, diespeziellen Probleme der Österreicher mit ihrem Staatswappen und ein Text zueinem Kaiserhuldigungsfestzug von 1908. Selbst der Geduldigste fragt sichhier, ob denn die Gliederung nur Makulatur sei und man dem Unternehmennicht gleich den Titel ,, Füllhorn zum Erinnern“ hätte geben können.
Wohlgemerkt: Es sind hier Beiträge zur Museums- und Ausstellungsge-schichte zu finden, die sich zu lesen sehr lohnen, aber die selbstgestelltenAnsprüche des Unternehmens und seine konsequente Gliederung werdennicht eingelöst. Der Systematisierung von Zeit widmen sich nur die Beiträgevon Klaus E. Müller und Lydia Haustein. In ,, Das Geschehen im Netz derZeit“ zeigt Müller, wie das Tradieren den Objekten des Erinnerns mit derDauer und Beständigkeit der Weitergabe immer stärkere Bedeutung gibt.,, Geltung, Beständigkeit, Sakralität und Wahrheit wachsen, ihre Störungs-freiheit vorausgesetzt, proportional zur Länge der durchlaufenen Zeit."( Bd. 2, S. 182) Die Zeit- und Kalendersysteme entwickeln dabei eine Viel-zahl von Eigenzeiten in ganz unterschiedlichen Mischungsverhältnissen vonz.B. linearer und zyklischer Zeit. Ganz aus dem Rahmen der beiden Bücherfällt der Beitrag von Frau Haustein, der sich der Medienkunst widmet. ZweiBeiträge zum Tagebuch als Untersuchungsgegenstand beschließen dieseSammlung, die den Leser irritiert zurücklässt.
Andreas Kuntz
ZIMMERMANN, Harm Peer: Ästhetische Aufklärung. Zur Revision derRomantik in volkskundlicher Absicht. Würzburg, Verlag Königshausen undNeumann, 2001, 647 Seiten, Anhang.
In dieser Kieler Habilitationsschrift von 1997 unternimmt Harm- Peer Zim-mermann einen überaus detaillierten, sorgfältig recherchierten Versuch, dasBild der Romantik als eine die Aufklärung verneinende Geistesbewegungzu revidieren. Das spezifische Augenmerk liegt auf der Ideengeschichte und