2001, Heft 4
Literatur der Volkskunde
505
RÉMOND, René: Religion und Gesellschaft in Europa. Von 1789 bis zurGegenwart. Aus dem Französischen von Jochen Grube.(= Europa bauen,o.N.). München, C. H. Beck, 2000, 304 Seiten.
Die ambitionierte, in ihrer Themensetzung anregende Reihe ,, Europa bau-en" kann mittlerweile auf eine beträchtliche Anzahl von Bänden verweisen.Die Grundidee besticht nach wie vor und ist offenbar auch erfolgreich:Historische Themen werden im Vergleich und in der Zusammenschau ganzEuropas von jeweils einem renommierten Fachvertreter( Frauen zählenmeines Wissens bislang nicht zu den AutorInnen) behandelt. Ihre Ergebnissewerden in einheitlicher Form von fünf Verlagen aus fünf verschiedenenSprachräumen in allen Übersetzungen Band für Band gemeinsam ediert.Damit wird konsequent eine vielfach vernachlässigte europäische Dimensi-on in die Geschichtswissenschaften eingebracht. Umgekehrt- der Reihen-titel erklärt die Intention des Herausgebers Jacques Le Goff- werden ausder Deutung der gemeinsamen kooperativen wie konfliktreichen Geschichteheraus Grundlagen für eine gemeinsame Zukunft angeboten.
Im vorliegenden Band nun geht es um die Bedeutung der Religion für dieeuropäischen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, um die wechsel-seitigen Beziehungen von Religion und Politik während dieser Zeitspanne.Dieses Wechselspiel ist bestimmt durch eine Grundströmung, die als Prozessder Säkularisierung bezeichnet wird, der aber nie als lineare Entwicklung,sondern, soweit möglich, immer in seiner deutlichen Ausdifferenzierungdargestellt ist, bestimmt durch das ständige und facettenreiche Hin und Herzwischen den Staaten und ihren Kirchen, zwischen Päpsten und Herrschern,zwischen unterschiedlichen Kirchen, zwischen Ortskirchen und Episkopa-ten. Der Versuch eines derart komplexen Zuganges ist einerseits wohl dieStärke des Buches, macht er doch deutlich, wie wichtig die Fragen derReligion für die europäischen Gesellschaften und deren ideologische Leit-linien stets gewesen sind- bis in die Zeit einer weitgehend konsequentenTrennung von Kirche und Staat und einer sozusagen ,, schleichenden Säku-larisierung" herauf. Andererseits aber nötigt die Vielgestaltigkeit des The-mas auch klare Beschränkungen auf, was die Möglichkeiten der Bewälti-gung eines solchen Vorhabens betrifft: Die Darstellung hinterläßt allzu sehrden Eindruck, Westeuropa, insbesondere Frankreich, sei die Drehscheibevon religionsgesellschaftlichen Entwicklungen mitsamt deren gegengerich-teten Strömungen gewesen. Zurückgehend zunächst auf die Zeit der Fran-zösischen Revolution wird der Diskurs der Kirchen mit Nationalismus,Liberalismus und moderner säkularisierter Gesellschaft aus den westeuro-päischen Verhältnissen heraus erklärt. Demgegenüber sind es eher Randbe-merkungen und Nebensätze, die den parallelen und verzahnten Phänomenen