Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LV/ 104

familienpolitischen Interessen, sondern auch in Fragestellungen seiner wis-senschaftlichen Erforschung. Bezüglich letzterer ist jedoch zumal es sichja um einen Begleitband zu einer Ausstellung in einem Volkskundemuseumhandelt eine gravierende Lücke festzustellen, denn die verschiedenen bisin die Zwischenkriegszeit zurückreichenden volkskundlichen Ansätze in derwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Muttertag wurden weitge-hend ignoriert. Ein einschlägiger Beitrag hätte hier eine äußerst wünschens-werte Ergänzung dargestellt und einen erweiterten Blick auf unterschiedli-che fachspezifische wie generationenspezifische forschungsleitende Frage-stellungen ermöglicht.

Susanne Breuss

ALTHANS, Birgit: Der Klatsch, die Frauen und das Sprechen bei derArbeit. Frankfurt am Main/ New York, Campus Verlag, 2000, 473 Seiten.

Klatsch ist heute wichtiger denn je. Diesen Eindruck wenigstens gewinntman angesichts des Buchmarktes. Klatsch ist mittlerweile auch von derWissenschaft nicht nur als Thema entdeckt, sondern auch instrumentalisiertworden. Die Organisationstheorie hat sich seiner angenommen, sie erforschtihn als konfliktgeladenes Sprechen und als Instrument des Mobbing undgebraucht ihn gleichzeitig als einen nützlichen, informellen Kommunikati-ons- Kanal, der einen schnelleren und kostengünstigeren Fluß von Informa-tionen garantiert.

Birgit Althans, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien UniversitätBerlin und Autorin des vorliegenden Buches, steht dieser Vereinnahmungdes Klatschs kritisch gegenüber, auch deshalb, weil die Wissenschaft, dieanwendungsorientiert den Klatsch analysiert, den Gender- Aspekt dieserKommunikationsform vernachlässigt. Althans verweist demgegenüber dar-auf, dass das Klatschen typisch weibliche Konnotationen hat. Ihrer Meinungnach entzieht sich der Klatsch der Frauen ,, dem Zugriff rationaler Kontrol-le"- das Sprechen bei der Arbeit wird genossen. Im Vordergrund steht dabeidas Genießen des Klatschs, der in der rationalen Durchdringung derArbeitswelt ein unabgegoltener Rest an individueller Subjektivität ist.Ausgehend vom Lacanschen Begriff ,, jouissance"- dem konträr zum Be-gehren stehenden Genießen- entwickelt die Autorin Geschichte, Bedeutungund Konnotationen des Klatschs von der frühen Neuzeit bis ins 21. Jahrhun-dert.

In ihrem ersten Kapitel Wasch& Klatsch" schreibt sie eine furiose,fundierte und unterhaltsame Wortgeschichte des Klatschens. Martin Luther