Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LVIII/ 107, Wien 2004, 1-30
Grigorij Kupczanko( 1849-1902)
Volkskunde und Journalismus zwischen Wien und der Bukowina
Viktoriya Hryaban
Der Beitrag skizziert eingangs die Situation in der Bukowinazu Lebzeiten des Ethnologen und Journalisten Grigorij Kup-czanko und gewährt Einblick in seinen Lebensweg vom Sohneiner Bauernfamilie nahe Czernowitz zum Autor ethnographi-scher Werke in russischer und deutscher Sprache, Verfasservon mehr als 2000 Artikeln und Herausgeber dreier Periodikain London und Wien. Im Spannungsfeld zwischen seinenethnographischen Untersuchungen zur Volkskultur, Traditionund Zugehörigkeit der russisch- und ruthenischsprachigenBevölkerung der k.k. Monarchie und den in der Tradition derAufklärung und der sozialkritischen Bewegungen des19. Jahrhunderts stehenden journalistischen Arbeiten erlaubtKupczankos Werk sowohl Einblick in die Anfänge der Volks-kunde in der Bukowina, als auch in den gesellschaftspoliti-schen Kontext ethnographischer Praxis zu Ende des 19. Jahr-hunderts.
I. Einleitung
Mit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 begann in denGeistes- und Kulturwissenschaften und insbesondere in der Volks-kunde eine Auseinandersetzung mit und Suche nach den Spuren undPersönlichkeiten, welche am Beginn einer ukrainischen Wissenschafts-tradition verortet werden konnten. Da mit Galizien und der Bukowinaein beträchtlicher Teil der heutigen Westukraine Kronländer derösterreichisch- ungarischen Monarchie waren, überrascht es nicht,dass die bis zum ersten Weltkrieg entstandenen Werke zur Ethnogra-phie der Bukowina sowohl von deutsch- als auch ukrainisch- undrussischsprachigen Wissenschaftlern zwischen Wien, Lemberg undCzernowitz verfasst wurden. Eine der produktivsten und-- damalswie heute- umstrittensten Personen zu Anfang der Volkskunde in derBukowina war Grigorij Kupczanko.