56
Literatur der Volkskunde
ÖZV LVIII/ 107
sowie methodisch gut durchdacht. Besonders hervorzuheben sind die zahl-reichen Hinweise der Autorin auf Forschungsdesiderate, die bisher zu starreEinschätzungen, wie etwa Motive der Wiederverheiratung, zu revidierenversprechen. In ihren vier thematischen Kapiteln breitet die Verfasserin soviel Material aus, dass es der Leserin ab und zu schwer fiel, den Überblickzu behalten, weshalb eine gewisse Zusammenschau am Ende des Buchesdurchaus hilfreich gewesen wäre, besonders hinsichtlich der von der Autorinam Anfang aufgestellten These des hohen sozialen Preises einer selbstregle-mentierten Gesellschaft und des spezifischen Wandels des Geschlechterver-hältnisses. Ein Vergleich der untersuchten Erb- und Verheiratungspraxis mitRealteilungsgebieten hätte viele Gemeinsamkeiten, aber auch entscheiden-de Unterschiede zu Tage fördern können. Dazu hätte ein Blick in dieNachbardisziplin Volkskunde/ Europäische Ethnologie einen guten Dienstgeleistet, denn dort wird schon seit längerer Zeit der von Lanzinger favori-sierte Ansatz kontextualisierender Schnittpunktanalysen praktiziert. Beson-ders im ,, Hinblick auf die Rolle des Rechts als Grundlage soziokulturellerPositionierungen von Männern und Frauen"( S. 23), aber auch im Hinblickauf die konkrete Ausgestaltung der Erbpraxis hätte die Autorin öfters dasRad nicht neu erfinden müssen. So bleibt als Quintessenz zu vermuten, dassein( von Historikern vielfach wenig gesuchter) Dialog mit der Volkskundeund eine interdisziplinäre Zusammenschau der mittlerweile doch zahlreichvorliegenden Arbeiten zur„, Heirat in lokalen und familiären Kontexten" fürdie hier vorgelegten, höchst spannenden mikrogeschichtlichen Untersu-chungen einen größeren Vergleichsrahmen ergeben würde, in dem die Hand-lungsspielräume der Akteure angesichts der Regelungsbedürftigkeit vonLebensumständen und gleichzeitig erfolgter Normierungen besonders
-
auch hinsichtlich der Geschlechterrollen- genauer diskutiert und konkreti-siert werden könnten: Schnittpunkte also als Ausgangsorte einer sich gegen-seitig befruchtenden Grenzüberschreitung. Doch auch für sich genommenist Margareth Lanzingers Studie ein Meilenstein in der akteurszentriertenHistorischen Anthropologie und Geschlechterforschung.
Andrea Hauser
Akademie Athen, Επετηίς του Κέντου Ερεύνης της Ελληνικής Λαο-Ypaqías[ Jahrbuch des Forschungszentrums für Griechische Volkskunde] Bd.XXVIII( 1987-1998), Athen 1999[ 2001], 442 Seiten, 13 Abb., Diagramme.
Der letzte Band der Jahrbücher des Forschungszentrums für GriechischeVolkskunde, ein Doppelband( XXVI- XXVII), erschien nominell 1990, inWirklichkeit 1993 und deckte die Jahre 1981-1986 ab( vgl. meine Anzeige