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ÖZV LVIII/ 107
RISI, Marius: Alltag und Fest in der Schweiz. Eine kleine Volkskunde deskulturellen Wandels. Zürich, Pro Helvetia, 2003, 113 Seiten, zahlr. s/ w- Abb.Marius Risis kleines Buch zu einem großen Gegenstand verdient zuallerersteinmal Respekt: für den Mut, auf eng beschränktem Raum einem breitenPublikum darlegen zu wollen, aus welchen Linien sich Bild und Verfasstheitder Volkskultur eines Landes entwickeln konnten. Dann aber auch Anerken-nung: für die Fähigkeit, dabei nicht allein dekonstruierend ans Werk zugehen, sondern Beschreibungen und Erklärungen gegenwärtiger Alltage zuliefern, die, theoretisch versiert und nahe am Gegenstand, ein echtes Pan-orama populärer Kultur entfalten und so zeigen können, wie der„ Bilderka-non Schweiz" und die Erfindungen um Volkskultur und Tradition immerwieder in den gelebten und erfahrenen Alltag hereinreichen.
,, Alltag und Fest in der Schweiz“ ist eine Auftragsarbeit der schweizeri-schen Kulturstiftung Pro Helvetia, dementsprechend wendet sich das Bänd-chen als Teil der Reihe ,, Kultur Information“ an Laien, die sich ,, in knapperForm Grundlageninformationen über das soziale, politische und kulturelleLeben der Schweiz“( Klappentext) verschaffen wollen. Risi gliedert dafürden Text, nach einer die Bilder aufziehenden und Vorhaben des Bandesbenennenden Einleitung, in drei Kapitel. Zeichnet das erste ,, Die Erfindungeiner schweizerischen, Volkskultur“ nach und untersucht das zweite ,, DieKultur der Vielen“ in ihren Inszenierungen und Selbstverständlichkeiten, sofragt das dritte in einer Art Bilanz nach der Rolle des Traditionellen in derpopulären Kultur. Risi gelingt es dabei durchgängig, nicht nur die Ge-schichtlichkeit des Gegenstandes zu argumentieren, sondern auch seineSinnhaftigkeit: Damit werden die Inventionen einer nationalisierten Volks-kultur als Kontinuität und Stabilität sichernde Konkretisierungen sozialerBedürfnisse nachvollziehbar. Auf knappem Raum kann der Autor, mit we-nigen Strichen und in markant formulierten Beispielen, die Prozesse derGleichsetzung des Schweizerischen mit dem, Alpinen nachzeichnen, nichtohne dabei die Interessen und Praktiken der Akteure in den einzelnenEtappen( der Entdeckung, Verinnerlichung und Mythisierung) zu benennen.Besonders für das 20. Jahrhundert lassen seine Befunde einer paradoxenGleichzeitigkeit von Mythos und Wirklichkeit einen spezifisch nationalen,aber, wie Risi weiß, in anderen Ländern nach vergleichbaren Musternverlaufenden Modernisierungsprozess erkennen. Auf dieser Grundlage kanner im Folgenden dann auch die Widersprüche in den populären Lebenswel-ten der Gegenwart auflösen: So entsteht das dichte Bild einer von Ritualisie-rungen einerseits, der Pluralisierung der Lebenswelten andererseits gekenn-