Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gipfelstürmer : zum Verhältnis von Betreibern und Helfern der frühen Alpeneroberung im Gefüge des seelischen Haushalts der modernen Kultur
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LVIII/ 107, Wien 2004, 93-120

Gipfelstürmer

Zum Verhältnis von Betreibern und Helfern derfrühen Alpeneroberung im Gefüge des seelischen Haushaltsder modernen Kultur

Bernd Stübing

Das Projekt der Alpeneroberung im ausgehenden 18. undfrühen 19. Jahrhundert lässt sich in den Zusammenhängen derEmanzipations- und Autonomiebestrebungen des modernenSubjekts verstehen. In Originalberichten über die Erstbestei-gung von Alpengipfeln kommt das große Wagnis von Initia-toren und Betreibern zum Ausdruck, die als Angehörige dergesellschaftlichen Funktions- und Bildungselite nur im Aus-nahmefall über die entsprechenden technischen und mentalenVoraussetzungen verfügten. Sie waren in großem Ausmaß aufdie Dienste einheimischer Helfer angewiesen, die ihrerseitsverstanden, eigene Interessen an das ursprünglich orts- undartfremde Vorhaben zu knüpfen und es zur eigenen Sache zumachen. Den verborgenen Aspekten dieser Geschichte, deninneren Bedingungen dieser Beziehung und ihrer Entwick-lung im Hinblick auf das mentale Gefüge der modernen Kulturgilt das Interesse dieses Artikels.

Es geht, zugespitzt formuliert, um die Begegnung zweier Welten undihre Vermittlung: Thema sind die Bedingungen dieser Begegnung undderen innere Dynamik. Der wissenschaftlich motivierte Einstieg indie Hochgebirge als erste Etappe der Alpeneroberung leitete einenProzess wechselseitiger Kulturation von Bergreisenden und Alpen-bevölkerung mit spezifischen Folgewirkungen für die Beteiligten ein.Auf der einen Seite finden sich die Vertreter jenes gesellschaftlichenSektors, in dem der Antrieb zu Erforschung und Unterwerfung derNatur entwickelt worden war und von dem auch die Impulse zudessen praktischer Umsetzung ausgingen. In ihren Händen lagenPlanung, Organisation, materielle Trägerschaft, verantwortliche Aus-führung und nicht zuletzt die publizistische Auswertung der Gipfel-expeditionen. In der Regel waren sie weder physisch noch psychisch