2004, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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MORTENSEN, Mette, Susanne REGENER, David BATE: Geometry ofthe Face. Photographic Portraits. Katalog zur Ausstellung des NationalMuseum of Photography, The Royal Library 2003/2004. Kopenhagen, TheNational Museum of Photography, 2003, 83 Seiten, zahlr. Abb.
,, Geometry of the Face" ist der Titel einer von Oktober 2003 bis Februar2004 gezeigten Ausstellung im National Museum of Photography in Kopen-hagen, deren gleichnamiger Katalog in drei Beiträgen die Vermessung desGesichts in der Portraitfotografie untersucht. Die Kuratorin der Ausstellung,Mette Mortensen, sowie die KulturwissenschaftlerInnen Susanne Regenerund David Bate beschäftigen sich dabei mit fotografischen Portraits des 19.und 20. Jahrhunderts in ihrer Funktion für die visuelle Typenbildung von1839 bis heute.
Mette Mortensen fragt, was Fotografie für unsere Identität bedeutet undwelchen Einfluss die ständige öffentliche Konfrontation mit Fotos jeglicherArt auf unsere Alltagskultur hat. Sie analysiert dabei Arbeiten zeitgenössi-scher Künstler: Thomas Ruff, Christian Boltanski, Kjartan Slettemark, ArneSvenson, Alphonse Bertillon und August Sander. Fotografie fungierte alsRepräsentationsmedium für die gesellschaftlichen Normen und Werte desBürgertums, welches sich etwa zur gleichen Zeit wie die Fotografie etablier-te. Mortensen folgert, dass die immer wieder gepriesene Demokratisierungder Portraitkunst durch die Fotografie paradoxerweise dazu verhalf, neuesoziale Grenzen zu ziehen. Die bürgerliche Schicht konnte selbst entschei-den, wie sie fotografiert werden wollte, Kriminelle, psychisch Kranke undethnische Minderheiten konnten dies nicht.
Besitzen wir einen physiognomischen Reflex der Interpretation? Morten-sen bejaht das, weil wir unwillkürlich jedes Foto danach befragen, was esuns über Geschlecht, Nationalität und Charakter verraten kann. Das istgefährlich, wenn sich der Staat, wie im Falle des Passfotos und besondersin Zeiten von Migration und Terrorangst, auf dessen Aussagekraft verlässt:,, The passport photograph is an effective mechanism for sorting, confirmingthe identity of the passport holder and telling the authorities whether thebarrier marking the border should be raised.“( S. 17) Allgemein, so Morten-sen, sind die von der Physiognomik bestimmten Mechanismen zwar unter-drückt, aber sie werden von uns trotzdem noch unbewusst praktiziert.
Welche Auswirkungen die Anwendung der Physiognomik hatte und wieTypenbildungen und Klassifizierungen von Menschen von der Wissenschaftund staatlichen Institutionen vorgenommen wurden, zeigt der Beitrag vonSusanne Regener. Exemplarisch untersucht sie Arbeiten von Nadar, EmilRye, Peter Olsen, Claude Cahun, August Sander, von unbekannten ethnolo-gischen Fotografen und dem zeitgenössischen Künstler Jürgen Klauke. Ihre