Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVIII/ 107, Wien 2004, 193–210
Ding und Bedeutung*
Hermann Bausinger
Der Aufsatz erörtert anhand einfacher Beispiele( Ball, Stein,Stuhl usw.), wie Dinge zu ihrer Bedeutung kommen und wiediese abgerufen wird: Funktion und Sinn von Dingen werdenim reflektierten oder unreflektierten Prozess der Deutungerkannt. Diese aktualisierte Bedeutung ist zu trennen von derhistorischen Abfolge verschiedenartiger Bedeutungen undvon den daraus entstehenden vielfältigen Deutungsmöglich-keiten. Die Theorien von Leopold Schmidt( Gestalt- undStoffheiligkeit) und von Karl- Sigismund Kramer( Dingbe-deutsamkeit) werden so in ein komplexeres Modell integriert.
Im vergangenen Herbst war in vielen Zeitungen die folgende Äuße-rung des US- amerikanischen Verteidigungsministers DonaldRumsfeld zu lesen: ,, Berichte, die sagen, dass etwas nicht passiertist, finde ich immer interessant, denn wie wir wissen, gibt es Bekann-tes, das bekannt ist. Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir siewissen. Wir wissen auch, dass es bekanntermaßen Unbekanntes gibt.Das heißt, wir wissen, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen. Aberes gibt auch Unbekanntes, das unbekannt ist – das, wovon wir nichtwissen, dass wir es nicht wissen." Zitiert wurden diese Sätze vorallem deshalb, weil Rumsfeld dafür der ,, Foot in Mouth"-Preis zuer-kannt wurde, eine englische Auszeichnung für die unsinnigste Äuße-rung des Jahres. Rumsfeld hat sie verdient, aber nicht unbedingt fürdiese Sätze, die freilich als Hinweis auf die nicht auffindbaren Mas-senvernichtungswaffen im Irak nicht sehr überzeugend sind. Löstman sie aus diesem aktuellen politischen Zusammenhang, so reichensie durchaus in eine philosophische Dimension. Die Abstufung be-kannter bekannter Dinge, bekannter unbekannter Dinge und unbe-
* Dem Text liegt ein Vortrag zugrunde, den Hermann Bausinger am 16. Dezember2003 im Rahmen des Kolloquiums ,, Materialität und Kultur“ im Institut fürEuropäische Ethnologie der Universität Wien gehalten hat.