2004, Heft 3
Chronik der Volkskunde
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Anwesenden sich zu überlegen, wer als Nachfolger in Frage kommt. Für2005 hat sich Ralph Mennicken bereit erklärt, das Symposium in Raeren inBelgien auszurichten. Werner Endres dankte allen, die zum Gelingen desSymposiums beigetragen haben.
Irmgard Endres
,, Völkerpsychologie" und Narrativistik. Überlegungen zumAnfang der wissenschaftlichen Erzählforschung
17. interdisziplinäres Symposion zur Volkserzählung auf derBrunnenburg, Dorf Tirol/ Südtirol, 22. bis 26. Oktober 2003
Bereits zum 17. Mal fand im Oktober des vergangenen Jahres das vonLeander Petzoldt( Innsbruck) organisierte interdisziplinäre Symposion zurVolkserzählung statt. Gastgeber war Siegfried de Rachewiltz( Dorf Tirol),der mit der Brunnenburg einen außergewöhnlichen Tagungsort zur Verfü-gung stellte, wie man ihn wohl kaum ein zweites Mal findet. Das Symposionwar der Beziehung zwischen Völkerpsychologie und Erzählforschung ge-widmet sowie den Anfängen der europäischen Erzählforschung. Anlass warder 100. Todestag des in Meran verstorbenen österreichischen Ethnologenund Soziologen Moritz Lazarus( 1824-1903), des Begründers der ,, Zeit-schrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft“, welche das Vor-gängerorgan der ,, Zeitschrift für Volkskunde" ist.
Eröffnet wurde die Tagung am Abend des 22. Oktober im Schloss Tirolmit einem Festvortrag von Rosanna Pruccoli( Meran), in welchem sie sichmit dem Leben und Wirken von Moritz Lazarus befasste und ausführlich aufdessen letzte zehn Lebensjahre einging, die er in Meran verbracht hatte. ImAnschluss daran führte Siegfried de Rachewiltz durch die beeindruckendeSammlung des Schlosses Tirol.
Den Beginn der eigentlichen Tagung markierte am anderen Morgen derVortrag des Psychologen Georg Eckardt( Jena) über die frühe Völkerpsy-chologie bei Moritz Lazarus und Hajim Steinthal. Diese ist dadurch charak-terisiert, dass das menschliche Individuum als gesellschaftlich determiniertverstanden wird, wobei diese Gesellschaftlichkeit den so genannten Volks-geist hervorbringt. Aus der Interdependenz von Gesellschaftlichkeit undGeschichtlichkeit des Individuums ergibt sich die Möglichkeit, historischeAbläufe auf psychologische Gesetze zurückzuführen. Eckardt bemängeltedie unscharfe Bestimmung des Begriffs Volksgeist bei Lazarus, der alsVoraussetzung, Vermittlungsinstanz und Ergebnis interindividueller Wech-