2004, Heft 3
Chronik der Volkskunde
Herder- Preis 2004
Würdigung für Prof. Éva Pócs, BudapestAuszug aus der Laudatio anläßlich der Preisverleihungam 14. Mai 2004 in Wien
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Hohe Festversammlung! Es ist schon etwas sehr Besonderes, liebe Preisträ-ger und Stipendiaten, die meisten von Ihnen heute in einem neuen, einemdoppelten Sinn in unserer Mitte zu wissen. Sie, beziehungsweise IhreLänder gehören seit zwei Wochen jener Familie europäischer Staaten an, diesich ,, Europäische Union" nennt. Das Schicksal Ihrer Länder- und weiterewerden in den nächsten Jahren folgen- ist nun in einer Art und Weise mitdem unsrigen verwoben, wie es sich vor 40 Jahren, bei der ersten Verleihungder Herder- Preise, wohl keiner der Beteiligten in seinen kühnsten Träumenhat vorstellen können. Wir feiern demnach heute drei Anlässe: die Auszeich-nung von herausragenden Wissenschaftlern und Künstlern, einen vierzig-sten Geburtstag( der ja, wie wir von dem Kulturanthropologen StanleyBrandes' wissen, ein ganz besonderer ist, da er die, midlife crisis' markiert)und die Einbeziehung von zehn Ländern in die Europäische Union.
Die Erweiterung der EU um acht Staaten des östlichen Mitteleuropa, diefür viele Jahrzehnte Teil des ,, Ostblocks" waren, ist eine Anerkennung; sieist Anerkennung nicht nur des Beitrags dieser Länder zum friedlichen Endedes totalitären Staatssozialismus, sondern vor allem auch jener immensenAnstrengungen und Opfer, die die Transformation den Gesellschaften ab-verlangt. Sie gehören nun also dazu, sind ,, zurückgekehrt nach Europa" unddamit integraler Teil des Sehnsuchtsraums„, Westen" zumindest dann,wenn man diese Integration als einen politischen, rechtlichen und ökonomi-schen Prozess betrachtet.
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Doch gehören Ihre Länder, die sich nun, wie die kroatische Schriftstelle-rin Slavenka Drakulić kürzlich schrieb², so vehement vom ,, Osten“ undbesonders von Russland abwenden, damit wirklich schon ,, dazu"? Sind siedamit schon ,, im Westen angekommen“? Skepsis ist angezeigt, denn Zuge-hörigkeit ebenso wie Anerkennung bedarf stets zweier Seiten. Nehmen wiraber die ,, mentale Landkarte“ der meisten Westeuropäer, ihre Selbstverliebt-heit und Indifferenz gegenüber dem Osten, wie sie der polnische Schriftstel-ler Andrzej Stasiuk angeprangert hat³, und nehmen wir andererseits das1 Brandes, Stanley: XL, Forty. The Age and the Symbol. Knoxville 1985.
2 Drakulić, Slavenka: Die Neuen Europäer. In: Süddeutsche Zeitung vom26.4.2004.
3 Stasiuk, Andrzej: Aussicht auf eine sanfte, schmerzlose Vernichtung. Gelingt esOsteuropa, sich zu behaupten und vom Westen nur die Maske zu übernehmen?Die Parodie als Überlebensstrategie. In: Süddeutsche Zeitung vom 30.4.2004.