2004, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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unterstützte die Westberliner Ungarn mit kulturellen Programmen. Das zeigtnach der Meinung der Autorin, wie die Volksrepublik Ungarn versuchte, beiihren West- Migranten eine emotionale Bindung an die alte Heimat zuwecken ungeachtet der Tatsache, dass der Grund für die Emigration inerster Linie die Unzufriedenheit mit der Lebenssituation im Mutterland war.Im letzten Kapitel wird ein vornehmlich medial konstruiertes Bild derungarischen MigrantInnen in Berlin diskutiert. Die Medien konzipieren einBild der in Berlin lebenden Ungarinnen und Ungarn, das unabhängig vonEthnizität funktioniert und sich auf die Elite der in der Stadt lebendenUngarn beschränkt. Diese werden als Vorzeige- Nomaden und Vorzeige-Ausländer präsentiert, die zur multikulturellen Vielfalt der Weltstadt Berlinbeitragen. Gleichzeitig wird der größere Anteil der ungarischen MigrantIn-nen außer Acht gelassen, wie auch die Tatsache, dass ethnische Lokalitätenoft existenziellen Handicaps entstammen. Die Medien tragen auch dazu bei,dass die ungarische Identität in alltäglichen Gebrauchsgegenständen, in derGastronomie, in Produkten der Hoch- und Volkskultur, in symbolbeladenenpolitischen und historischen Ereignissen der Vergangenheit gesucht wird, wo-durch die Klischees über das Land und dessen Bewohner gefestigt werden.
Am Ende des Buches eröffnet die Autorin Perspektiven für weitereethnologische Fragestellungen. Im Zusammenhang mit der besonderen Ge-schichte und heutigen Rolle Berlins- das zugleich als Deutschlands Haupt-stadt und als postmoderne Weltstadt fungiert – könnte man Járosis Fragenum folgende ergänzen: Welche vielleicht abweichenden Identitätsstrategienund Repräsentationen pflegen die Ungarinnen und Ungarn, die in kleinerendeutschen Städten und Dörfern leben?
Jasna Čapo Žmegač
PAGENSTECHER, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus. Ansätze zueiner Visual History: Urlaubsprospekte, Reiseführer, Fotoalben 1950-1990(= Studien zur Zeitgeschichte, Bd. 34). Hamburg, Verlag Dr. Kovač, 2003,622 Seiten.
Auf Basis einer Dissertation an der FU Berlin entstand der Band ,, Derbundesdeutsche Tourismus“, der mehr hält, als der Titel verspricht. Schonder Untertitel hat mehr Konnex zur Arbeit, liefert eine knappe Inhaltsanga-be, inklusive der einbezogenen Quellen, der bearbeiteten Zeit und derzentralen Methode. Obwohl auf hauchdünnem Papier und in einem äußerstplatzsparenden Layout gedruckt, geriet Cord Pagenstechers Abhandlung zueinem echten ,, Wälzer“( mit dem stolzen Preis von€ 128,00). Der Text ist