Jahrgang 
107 (2004) / N.S. 58
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LVIII/ 107

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STEGER, Brigitte:( Keine) Zeit zum Schlafen? Kulturhistorische undsozialanthropologische Erkundungen japanischer Schlafgewohnheiten(= Ethnologie, Bd. 4). Münster u.a., LIT Verlag, 2004, 486 Seiten, s/ w- Abb.

Die mit dem, Bank Austria Preis 2002 zur Förderung innovativer For-schungsprojekte an der Universität Wien ausgezeichnete Dissertation vonBrigitte Steger, Universitätsassistentin für Japanologie am Institut für Ost-asienwissenschaften der Universität Wien, behandelt erstmals in monogra-phischer Form sozial- und kulturwissenschaftliche Aspekte des Schlafens.Im Zentrum der Arbeit steht die Frage nach Zeitverwendung und Zeit-strukturierung im Alltag. Schlafen und Ausruhen werden vor diesem Hin-tergrund auf ihren Stellenwert und ihre ideologischen Implikationen hinbefragt. Zwar geht es in erster Linie um japanische Schlafgewohnheiten,doch ist die Untersuchung auch von allgemeinem Interesse, da es Anspruchder Autorin ist, eine sozial-, geistes- und kulturwissenschaftliche Theoreti-sierung des Phänomens des Schlafens sowie ausgewählter sozialer Funktio-nen des Schlafens vorzunehmen. Außerdem präsentiert sie einen nicht nurauf Japan bezogenen Überblick über den Forschungsstand zu verschiedenenAspekten des Schlafens sowie einen internationalen Vergleich der Kulturender Schlaforganisation. Im Hinblick auf das verbreitete Klischee von denJapanerInnen als einem Volk von ,, Arbeitstieren" gibt die Studie aufschluss-reiche Einblicke in die Praktiken und Bedeutungen des Schlafens und in dasVerhältnis von Schlafen, Wachsein und Tätigsein. Da es laut Steger einWesensmerkmal des Schlafens ist, nur kontextbezogen verstanden und vonden Praktizierenden nicht bewusst erlebt werden zu können, ist für sie nichtdas Schlafen als solches Gegenstand einer sozial- und kulturwissenschaftli-chen Erörterung. Ihr Interesse konzentriert sich vielmehr auf die Frage, wieJapanerInnen das Schlafen konstituieren und kontextualisieren und wie siesich darüber sprachlich und bildlich äußern. Gewinnbringend ist die Lektürevon ,,( Keine) Zeit zum Schlafen?" nicht nur hinsichtlich theoretischer undmethodischer Aspekte: Gerade durch die interkulturelle Perspektive wirdder Blick für alltägliche, meist kaum reflektierte Verhaltensmuster undBedeutungszuschreibungen im Zusammenhang mit dem Schlafen geschärft.Und nicht zuletzt erfahren die LeserInnen näheres über das in Japan häufigpraktizierte Schlafen in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Sitzungen oderüber die positive Bewertung sichtbarer Zeichen von Unausgeschlafenheit.( SB)