Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVIII/ 107, Wien 2004, 311-325
Mischmasch?
Kulturtransfer und seine Folgen
Burkhart Lauterbach
In verschiedenen Kulturwissenschaften, so auch in der Volks-kunde/ Europäischen Ethnologie, operiert man seit einigenJahren mit dem aus der Biologie stammenden und in den1980er Jahren von der anglo- amerikanischen Literaturwis-senschaft weiterentwickelten Konzept der Hybridität sämtli-cher Kultur( en). Der Beitrag diskutiert dieses Konzept undbringt einen Gegenvorschlag.
In welchen Ausprägungen alltäglicher Lebenspraxis zeigen sich bri-tische Kultureinflüsse zum Beispiel in Deutschland? Welche gesell-schaftlichen Entwicklungen ermöglichen diese Einflüsse, und wiewird mit ihnen umgegangen? Diesen Fragen geht mein mit der erfolg-ten Buchveröffentlichung abgeschlossenes Forschungsprojekt zu in-nereuropäischen Transformationsprozessen am Beispiel britisch-deutschen Kulturtransfers nach. Ich verfolge das Ziel, einige beispiel-hafte Gegenstandsbereiche für die Zeit zwischen dem 18. und dem20. Jahrhundert einer Analyse zu unterziehen und damit eine ArtErgänzung zu einer neueren Studie Ian Burumas über Anglomanie inEuropa während der letzten zweieinhalb Jahrhunderte vorzulegen,'welche nämlich ausschließlich die Spitzen der Gesellschaft behan-delt, von Voltaire bis Wilhelm II., nicht die Bevölkerungsmehrheit.Vor diesem Hintergrund betrachte ich die Funktionsweisen von Kul-turtransfer im Sinne von Einflüssen auf unsere Alltagskultur, wie siesich in Objekten, Ideen, Handlungskonzepten und Praktiken äußert.Konkret geht es um die Einführung des Englischen Gartens in derzweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und um das zeitgleich sich for-mierende Assoziationswesen, um die Einführung der Gartenstadt einJahrhundert später und um die zu dieser Zeit beginnende Ausbreitung
1 Buruma, Ian: Voltaire's Coconuts or Anglomania in Europe( 1999). London2000.