Jahrgang 
107 (2004) / N.S. 58
Seite
389
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LVIII/ 107, Wien 2004, 389-410

Literatur der Volkskunde

KRAL, Silke: Brennpunkt Familie: 1945 bis 1965. Sexualität, Abtrei-bungen und Vergewaltigungen im Spannungsfeld zwischen Intimität undÖffentlichkeit. Marburg, Jonas Verlag, 2004, 165 Seiten.

,, Erinnerung ist gut, weil sie das Maß des Erkennbaren vergrößert. Aber esist besonders zu achten darauf, dass sie nie das Furchtbare ausschließt." Mitdiesen Worten von Elias Canetti beginnt Silke Kral ihre Untersuchung überdie Familie in der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit, und diese Perspektiveprägt auch ihre wissenschaftliche Arbeit. Kral will dem, heilen* Familien-bild entgegentreten, indem sie ihm die lebensgeschichtlichen Erfahrungeninsbesondere von Frauen gegenüberstellt und nach der Wechselwirkung vonnormativen Diskursen und individuellem Erleben fragt. Sie betritt damit einForschungsfeld, das verglichen mit familien- und sexualitätsgeschichtlichenArbeiten zum 18. und 19. Jahrhundert, zur Zwischenkriegszeit und insbe-sondere zum Nationalsozialismus bisher von den Sozial- und Kulturwissen-schaften eher vernachlässigt worden ist. Die Gründe für dieses Defizit liegenauf der Hand: Die geschichtswissenschaftlichen Disziplinen haben sich inden letzten drei Jahrzehnten vor allem an den großen Transformationenvon Familie und Sexualität in der Moderne und der NS- Zeit abgearbeitet,die 1950er- und 1960er- Jahre sind dabei etwas aus dem Blick geraten.

Krals Band basiert auf einer volkskundlichen Dissertation, die im Jahr2000 an der Christian- Albrechts- Universität in Kiel angenommen wurde.So verwundert es nicht, dass sich die Untersuchung vor allem auf Quellen-materialien aus Kiel und Schleswig- Holstein stützt, autobiographische Tex-te, die der Autorin aus einem Schreibaufruf zugegangen sind, stammenebenfalls aus dieser Region. Daneben hat sie aber auch eine Reihe vonwissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Schriften aus dem west-deutschen Raum durchgesehen und bezieht sie in die Normenreflexion mit

ein.

Die Autorin nähert sich der Kluft zwischen zeitgenössischem Familien-ideal und erlebter Praxis, indem sie die seit den 1970er- Jahren geführteDiskussion um den Begriff der ,, Kernfamilie bzw. der ,, vollständigen und,, unvollständigen Familie resümiert und aufnimmt. Angesichts der Tatsa-che, dass Anfang der 1950er- Jahre nur rund 60 Prozent der westdeutschenBevölkerung in ,, vollständigen( Kern) Familien lebten, erweisen sich diese