Jahrgang 
107 (2004) / N.S. 58
Seite
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2004, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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die Sowjetarmee liegen ja inzwischen auch Untersuchungen zur deutschenWehrmacht und den Westalliierten vor. Kral kann zeigen, dass selbst ver-gewaltigte Frauen mit Unterstellungen, Unverständnis und Ablehnungdurch die Behörden, aber auch durch Familienmitglieder und Ehemänner zukämpfen hatten. Entsprechende materielle Entschädigungen wurden vonden Ämtern nur selten ausbezahlt. Insgesamt werden auch hier weiblicheLebensumstände sichtbar- männliche Lebenswelten kommen in dem be-sprochenen Band leider kaum vor-, die wenig mit dem universellen Fami-lienideal gemeinsam haben.

Silke Kral hat mit Ihrer Untersuchung einen wertvollen Beitrag zurErforschung der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit nicht nur in Schleswig-Holstein geleistet. An vielen Stellen ihres Buches hätte man sich allerdingseine Vertiefung und Differenzierung der Überlegungen und eine breitereQuellenbasis( z.B. bei den untersuchten normativen Schriften) gewünscht.Ihr multiperspektivischer Zugang offenbart auch, wo die weitere Forschunganzusetzen hat- etwa bei narrativen Interviews oder methodisch fundiertenDiskursanalysen. Etwas gestört wird die Lektüre auch durch übermäßigwertende Passagen, in denen sich die Autorin besonders gerne über die, falsche Einschätzung zeitgenössischer Beobachter erhebt. Sieht man vondiesen Einwänden ab, ist der Band jedenfalls als eine bereichernde Lektürezu empfehlen.

Franz X. Eder

SCHMIDT- LAUBER, Brigitta: Gemütlichkeit. Eine kulturwissenschaftlicheAnnäherung. Frankfurt a.M., Campus- Verlag, 2003, 257 Seiten, s/ w- Abb.

In vier große Teile gliedert sich die Arbeit Brigitta Schmidt- Laubers zumThema Gemütlichkeit. Der erste Teil widmet sich der Gemütlichkeit alseiner( auch methodischen) ,, Herausforderung für die Alltagskulturfor-schung( S. 13). Gemütlichkeit ist als Begriff weit verbreitet, wird von denjeweiligen Nutzern des Wortes im Alltag nicht reflektiert und bietet sichdamit geradezu für eine kulturwissenschaftliche Untersuchung an. BrigittaSchmidt- Lauber will weniger einen Kulturstil Gemütlichkeit untersuchen,als vielmehr anhand dieses bislang in der Volkskunde/ Europäischen Ethno-logie nur marginal betrachteten Themas ,, methodische, theoretische undbegriffliche Differenzierungen( S. 15) erarbeiten und sich letztlich dadurchauch mit dem Kulturbegriff auseinandersetzen.

Die Arbeit stellt nicht nur thematisch eine Erweiterung des volkskundli-chen Feldes dar, die Autorin bietet in ihrer sorgfältigen Methodenreflexionauch differenzierte Anmerkungen zur empirischen Forschung. Schmidt-