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Literatur der Volkskunde
ÖZV LVIII/ 107
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KEISINGER, Florian, Steffen STEINSCHAB u.a.( Hg.): Wozu Geistes-wissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte.Frankfurt am Main/ New York, Campus- Verlag, 2003, 197 Seiten.
Der hier vorzustellende Band geht auf eine studentische Initiative an derTübinger Universität zurück, wo in den vergangenen Jahren zugunsten dersog. Lebenswissenschaften und auf Kosten der Geisteswissenschaften mitUmverteilungen im großen Stil begonnen wurde. Angesichts eines allerortenzu verspürenden Stellen- und Mittelabbaus und dem unbedachten Ruf nachEffizienz und Wertschöpfung als Kriterien der Nützlichkeit( und folglichLeistbarkeit) von Disziplinen bringt der Band eine alte Qualität der Geistes-wissenschaften in die Debatte ein: Er bemüht sich um Analyse und Ausle-gung differenter Wissenskulturen, benennt ihre Herkunft und Probleme undsucht nach Möglichkeiten der Vermittlung und Annäherung.
Das geschieht in dem durchaus kontrovers zusammengestellten Band invier Schritten: Auf grundsätzlich argumentierende und selbstkritisch diffe-renzierende Beiträge folgen eine Reihe von Außensichten aus Ökonomieund Politik, Journalismus und Literatur. Neun Vertreter geisteswissenschaft-licher Fächer stellen sodann Anspruch und Aktualität der Geisteswissen-schaften aus der konkreten Perspektive ihrer Disziplinen vor, während derden Band abschließende Teil Positionen aus Nachbardisziplinen( näherenund ferneren) versammelt.
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Für die, Volkskunde/ Europäische Ethnologie“( so die Überschrift)kommt im dritten Teil Wolfgang Kaschuba, Berlin, zu Wort. Seine lesenwer-te Legitimation des Faches stützt sich, in wenigen Sätzen zusammengefasst,auf folgende Argumente: Mit der Kritik eigener disziplinärer Vergangenheithat Volkskunde Wissenschaft als unausweichliche gesellschaftliche Praxiszu verstehen gelernt. Von daher rührt auch ihre Sensibilität für Fragen der, Nützlichkeit und ein neues Verständnis von fachlicher Kompetenz undsozialer Position. Und zu dementsprechenden, Einmischungen, verstandenetwa als kritische Beobachtung und Kommentierung von Geschichts- undKulturkonzepten in der politischen Öffentlichkeit, aber auch als differenzie-rende Vermittlung in Fragen von Nation und Ethnizität oder auf den Feldernsymbolischer Interaktion in der Kultur, befähige unser Fach insbesondereseine Rolle ,, als Bindeglied zwischen den Geschichts- und Gegenwartswis-senschaften wie zwischen Universität und Museum“( S. 157). Fundamentalerscheint aber die abschließende Bemerkung, dass es wohl künftig wenigerum ein fragwürdiges, einst von Odo Marquard den Geisteswissenschaften