Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LIX/ 108, Wien 2005, 1-20
Wiederkehr der Traditionen?
Zu einigen Aspekten der gegenwärtigen Konjunkturdes kulturellen Erbes
Ingo Schneider
Der Aufsatz setzt sich mit einem Teilaspekt der gegenwärtigenKonjunktur des kulturellen Erbes auseinander: mit den aufinternationaler, nationaler und regionaler Ebene zu beobach-tenden Versuchen der Aufwertung kleinräumiger, alltagskul-tureller Traditionen. Diskutiert werden kulturtheoretischeVoraussetzungen und Hintergründe einer Entwicklung, die zuBeginn des 21. Jahrhunderts auf einmal traditionelle Hand-werkstechniken, medizinisches Wissen, Mythologien, Bräu-che oder besondere Idiome, um nur einige Beispiele zu nen-nen, in den Rang( globalen) Kulturerbes erheben möchte. Denvon internationalen oder nationalen Institutionen gezielt vor-angetriebenen Bemühungen werden Tendenzen in regionalenRäumen gegenübergestellt, die von unten kommend undvergleichsweise unstrukturiert die Erneuerung lokaler Tradi-tionen verfolgen.
Einbegleitung
Die Berufung auf Vergangenes, auf überlieferte Werte und damitverbunden eine Vielfalt von auf Konservierung, Erneuerung undWiederherstellung ausgerichteter Aktivitäten erfahren gegenwärtig ininternationalen, nationalen und lokalen Dimensionen unübersehbareine Konjunktur. Eine solche rückwärts, in näher oder weiter entferntliegende Epochen gerichtete Bezugsrichtung ist kein grundsätzlichneues Phänomen. Einigermaßen neu daran ist jedoch, dass in konkre-ten Maßnahmen, aber auch in entsprechenden theoretischen Diskur-sen seit einiger Zeit auffallend häufig die Begriffe ,, kulturelles Erbe“,,, cultural heritage" bzw.„, patrimoine" auftauchen. Interessant istaußerdem, dass sich der dazugehörige konzeptuelle Rahmen in denletzten Jahren insofern erweitert zu haben scheint, dass nun auchlokale, alltagskulturelle Traditionen unterschiedlichster Art verstärkt