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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIX/ 108
Die Deutung des Bildmaterials setzt bei der Bearbeitung von fünf unter-schiedlichen ,, Nationen“ ein hohes Maß an Detailkenntnis voraus, ohne dasdie Bilder nicht aufgeschlüsselt werden können. Besonders bei politischen,also im damals zeithistorischen Kontext zu lesenden Karikaturen gibt esLeerstellen im Verstehen, die möglicherweise nicht gefüllt werden können.Allerdings befremdet es, wenn die relativ bekannte Karikatur Woodwards,gestochen von Cruikshank ,,, An Allemand" von der Autorin in den Kontextdes ,, unziemlichen Walzers" gesetzt wird, während die ,, Allemande❝ jedochein geradtaktiger Tanz des 17. Jahrhunderts ist, bei dem sich die Tänzer zwarberühren- jedoch in anderer Form als beim Walzer, der sich erst im letztenViertel des 18. Jahrhunderts entwickelte.
Das letzte Kapitel spiegelt im Rückblick auf die Analyse des Bildmate-rials nochmals die zuerst angestellten Überlegungen zu Inhalt und Gehaltsowie der Funktion von Stereotpyen. Besonders deutlich wird der Stellen-wert politischer Machtvorstellungen, so eine der Thesen Meyers, wonachStereotypen in der kulturellen oder politischen Bedrohung durch eine andereNation entstehen. Zugleich differenziere sich in der Konstruktion des Fremd-bildes das Selbstbild des Engländers heraus. Dass dann die letzte Abbildung,die ein positives( Selbst) Bild des Engländers( in der Personifikation von JohnBull?) darstellt( Abb. 167), beim Leser Assoziationen zum negativ besetztenStereotyp des Niederländers hervorruft, mag nachdenklich stimmen.
Silke Meyers Analyse von historischen Beziehungen zwischen Englandund den in England visualisierten Nationen macht eigentlich deutlich, dasses keine Nationalstereotypen im Sinne des Wortes gibt. Die Unterschied-lichkeit der Bilder vom Spanier als inquisitionsbesessenen Katholiken oderals ,, ewiger Edelmann“ zeigt, dass es durchaus stereotype Vorstellungen von,, dem Spanier" gibt. Diese sind jedoch kontextabhängig und somit nureingeschränkt tauglich für das Entstehen eines visuellen Stereotyps. Ob derBegriff des Nationaltypus treffender gewählt ist, mag dahingestellt bleiben.Jedenfalls bietet die Thematik der Typisierung offenbar weiterhin Anlass zurErforschung von Bildern auf dem Papier, wie ,, in den Köpfen“.
Michaela Haibl
LAUTERBACH, Burkhart: Beatles, Sportclubs, Landschaftsparks. Bri-tisch- deutscher Kulturtransfer(= Kulturtransfer. Alltagskulturelle Beiträge.Hg. von Burkhart Lauterbach, Bd. 1). Würzburg, Königshausen& Neu-mann, 2004, 229 Seiten, 14 Abb.
Burkhart Lauterbachs volkskundliche Kulturraumstudie stellt sich die Auf-gabe, die Rezeption der britischen Lebensart im deutschsprachigen Bereich