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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIX/ 108
wäre die Ludwigstraße zu nennen, die als öffentlicher Raum parallel zumenglischen Garten angelegt wurde, den Lauterbach untersucht, und derenarchitektonischer Verlauf den Besucher von der griechisch- römischen Anti-ke in die italienische Renaissance führt.
Solch semiotisches Schillern, das die Untersuchung in den Kapiteln,, Erziehung“( verzerrende Mimesis des englischen Internatswesens in denJugendbüchern Enid Blytons, kulturell fehlerhafte Adaption für dendeutschsprachigen Markt, trügerische Autorschaftsfiktionen) und ,, Ton-kunst( Liedtexte der Beatles, S. 185f.) scharfsinnig und differenziert her-ausarbeitet, erweist sich als Grundvoraussetzung kultureller Bedeutungs-konstitution und hätte in Rekurs auf Roland Barthes' Lektüre von Kultur alsText und sekundäres Zeichensystem auf theoretischer Ebene stärkere Sys-tematisierung erfahren können. Obwohl Barthes dieselben Kulturthemen( Mode, Konsum etc.) verhandelt wie Lauterbach, wird dessen Ansatz aus-geblendet. Bei der Analyse von Barbour- Jacken hat dies zur Konsequenz,dass sich die Erörterung auf Gebrauchswert- Analysen beschränkt und dietiefere Zeichenhaftigkeit kultureller Phänomene marginalisiert( S. 141f.).Wenn in diesem Kontext von der Ritualfunktion von Kleidung gesprochenwird, dann erfolgt dies als essentialistische Kritik von Schein- und Mythen-bildung und nicht als Analyse der semiotischen Produktivität und Polysemiekulturellen Handelns.
Dieter Fuchs
STEKL, Hannes, Elena MANNOVÁ( Hg.): Heroen, Mythen, Identitäten.Die Slowakei und Österreich im Vergleich. Wien, WUV Verlag, 2003, 445Seiten.
Wie Einzelpersonen und soziale Gruppen insgesamt so sind auch Nationenals imaginierte Gemeinschaften tief in ihrer Vergangenheit verankert. Diesewird nicht nur durch materielle oder geistige Kulturschöpfungen offiziellenCharakters in die Gegenwart übertragen, sondern die Vergangenheit lebtauch fort in der individuellen und Gruppenerfahrung, im Gedächtnis derMenschen, in Erinnerungen und an den sog. ,, Gedächtnisorten“( les lieuxde la mémoire).
Die Wahrnehmung des Gegensatzes zwischen dem„ Eigenen“ und dem,, Fremden“ einerseits und die Globalisierung andererseits stellen aktuelleFragestellungen in der heutigen Welt dar. Für ihre Erforschung sind breitangelegte Konzepte und internationale Vergleiche nicht nur aufschlussreich,sondern geradezu eine Voraussetzung für effizientes Verstehen. Auf einer