Jahrgang 
108 (2005) / N.S. 59
Seite
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2005, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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Vielmehr wäre es vor dem Hintergrund dieser von einem Raumtypausgehenden Forschungen konsequenter gewesen ebenfalls zu fragen, wel-che urbanen Räume eine Alltagskompetenz ausschließen, die das Nebenein-ander von Gegensätzen( konsumierend) erlebbar macht. Denn die Faszina-tion des Topos Themenwelten, dies verdeutlichen die Beiträge allemal, liegtin der irritierenden Ambivalenz des Vergnügens, das solche Räume bieten.Was aus wissenschaftlicher Perspektive als Repräsentationsdilemma gilt, istden Besuchern von Themenwelten alltägliches Vergnügen: Der Aufforde-rung nachzukommen, gelassen mit der Differenz zwischen Repräsentationund authentischer Erfahrung umzugehen, bzw. genau aus dieser Differenzeinen( Erkenntnis-) Gewinn zu ziehen. Deshalb muss man Themenweltenauch eines zugestehen: Sie haben die Kunst, das Erleben von Paradoxenspielerisch zu meistern, veralltäglicht.

Alexa Färber

FREI, Kerstin: Wer sich maskiert, wird integriert. Der Karneval derKulturen in Berlin. Berlin, Verlag Hans Schiler, 2003, 296 Seiten.

Seit 1996 wird in Berlin einmal im Jahr der Karneval der Kulturen"gefeiert. In den Verlautbarungen der VeranstalterInnen heißt es, er vereinige,, eine Vielzahl von Kulturen und lasse ein Klima der Weltoffenheit"entstehen; hier träfen ,, Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit harmonischaufeinander und machten Werbung für, ein internationales Berlin". DieEthnologin und Lateinamerikanistin Kerstin Frei beschreibt sich selbst alsbegeisterte Karnevalsteilnehmerin, dennoch haben derartige Formulierun-gen bei ihr für ,, Unbehagen gesorgt. Sie nahm Widersprüche wahr zwi-schen ,, multikultureller Imagevermittlung und, grenzenabschottender In-nenpolitik und fürchtete, als Karnevalsteilnehmerin an einer ,, Verschleie-rungstaktik mitzuwirken, die darauf zielt, soziale und politische Ungleich-heiten durch Kulturalisierung und Festivalisierung von Differenzen zu ver-festigen. Vor diesem Hintergrund entschied sie sich, den Berliner ,, Karnevalder Kulturen" in ihrer Magistra- Arbeit zu erforschen.

Mit selbstreflexiven ethnographischen Methoden untersuchte die Autorinvon 1996 bis 2001 insbesondere drei Akteursgruppen, die sich durch sehrunterschiedliche Arbeitsweisen und Zielsetzungen auszeichnen: die Werk-statt der Kulturen, die den Karneval organisiert, Afoxé Loni, eine Tanz- undTrommelgruppe, die auf die Riten einer afro- brasilianischen Religion rekur-riert und die Parade anführt, sowie den Verein Fusion Intercultural Projects,der mit Jugendlichen in Neukölln arbeitet. Bemerkenswert offen beschreibt