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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIX/ 108
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KRAUSS, Heinrich: Das Paradies. Eine kleine Kulturgeschichte( Beck'sche Reihe, Bd. 1570). München, C. H. Beck, 2004, 176 Seiten,Abb.
Das Buch ist unterteilt in zwei umfangreiche Abschnitte, nämlich Dasursprüngliche Paradies und Das künftige Paradies. Im ersten Abschnitt gehtes, abgesehen von knappen Bemerkungen zu den Überlieferungen vomGoldenen Zeitalter bei antiken Autoren, ausschließlich um die Paradies-erzählung in der Bibel und im Christentum. Es wird der Garten Edenbeschrieben und erklärt, was in dem Fall überhaupt unter einem ,, Garten“zu verstehen ist, was es mit dem Baum des Lebens auf sich hat und mit demStrom, welcher sich in vier Hauptflüsse teilt. Die Erschaffung des Menschenwird nur gestreift, die der Frau hingegen ausführlich erörtert, desgleichender Verlust des Paradieses, welcher als„, Psychologie der Versuchung undder Scham" interpretiert wird( S. 33–36). Im Anschluss daran geht es umdie Rezeption der Erzählung in der christlichen Tradition. Man machte sichGedanken um die Lebensweise im Paradies, um die Gesellschaftsordnung,das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, die geographische Lokalisierung,das Alter des ersten Menschenpaares und anderes mehr.- Zweifel an derExistenz des Paradieses tauchten erst im Zuge der neuzeitlichen Wissen-schaftsentwicklung und der Aufklärung auf sowie durch die Entdeckung vonFossilien am Ende des 18. Jahrhunderts und vor allem durch die DarwinscheEvolutionstheorie.
Im zweiten Abschnitt, der vom künftigen Paradies handelt, steht ebenfallsdie christliche Tradition im Vordergrund, doch werden auch entsprechendeVorstellungen bei den Juden und im Islam erwähnt. Im letzten Kapitel, alsNachtrag bezeichnet, wird auf chiliastische Bewegungen eingegangen, aufdie Dreistadien- Theorie des Joachim de Fiore und auf säkulare Paradieses-vorstellungen: den technisch- wissenschaftlichen Fortschrittsglauben- derin seiner Blütephase tatsächlich von übersteigerten Heilserwartungen ge-prägt war, chiliastische Hoffnungen und Heilsauftrag bei den Einwande-rern in die USA sowie Endzeitvorstellungen bei den Nationalsozialisten undim Kommunismus.
Von einem Sachbuch braucht man nicht unbedingt neue Erkenntnisse zuerwarten, stattdessen jedoch eine allgemein verständliche Einführung in dasThema, die das Wichtigste mitteilt. Das ist dem Autor im Großen undGanzen gelungen; was jedoch völlig fehlt, sind Hinweise auf chiliastischeVorstellungen in der romantischen Bewegung, denn in ihr hat die Sehnsucht