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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIX/ 108
zeitgenössischen Interpretation, wie sie sie in den Pariser Museen vor-fanden. So waren beispielsweise im Louvre um 1900 Skulpturen aus völligunterschiedlichen Zeiten und Kulturen in unmittelbarer Nähe zu sehen, wieKüster aus dem Baedeker rekonstruieren kann.
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Im dritten Kapitel untersucht Küster die Darstellungen von Menschen-in der Anthropologie als auch in den Werken von Matisse und Picassos.Ausgehend von der ethnografischen Fotografie, welche die Formen derRepräsentation des Menschen- insbesondere des Fremden- fixierte, ver-längert Küster die Linie bis hin zu Matisse und Picasso. Hier konstatiert siefür den Primitivismus einen„ anthropological turn"- nicht nur in der Kunst-kritik, sondern auch ,, in den Bildwerken und Repräsentationsformen desMenschen“( S. 135). Der Kulturvergleich wird sozusagen über den mensch-lichen meist weiblichen Körper ausgetragen. Insbesondere analysiertKüster, wie die ethnografische Fotografie nicht nur in formaler Hinsicht aufdie Künstler wirkte, sondern wie die damit kodierten anthropologischenVorstellungen von„, Ethnie“ und„, Rasse" in Zeiten des Kolonialismus dar-über hinaus künstlerisch„, übersetzt“ wurden. Im Fall Picasso legt Küsteretwa dar, wie dieser auf der Suche nach den„ Urformen des Menschlichen"welche Bildcodierungen und Motive von Postkarten afrikanischer Ethnien,aber auch von europäischen Trachtenträger/ innen in seine Bilder übertrug.Gerade das Kapitel über die Wechselwirkungen der Fotografie macht deut-lich, dass die beiden ,, Kulturreisenden" Picasso und Matisse nicht nur mitden Augen unterwegs waren, sondern sich tatsächlich der visuellen Kulturder Anthropologie stellten und sie gleichzeitig auch mitprägten.
Vorbildlich an dieser Studie ist nicht zuletzt, dass Verlag und Autorinnicht an den Publikationsrechten gespart haben. Die zahlreichen Abbil-dungen ermöglichen es gerade auch Nicht- Kunsthistoriker/ innen, denen dieBilder nicht so präsent sind, die schlüssige Argumentation auch visuellnachzuvollziehen.
Nina Gorgus
Tausendundeine Nacht. Nach der ältesten arabischen Handschrift in derAusgabe von Muhsin Mahdi erstmals ins Deutsche übertragen von ClaudiaOtt. München, Verlag C. H. Beck, 2004, 687 Seiten.
Tausendundeine Nacht braucht als Sammlung von Geschichten vielfältigenInhalts nicht eigens vorgestellt zu werden. Die in die Sammlung eingegan-genen Märchen, romanartigen, didaktischen und/ oder humorvollen Erzäh-lungen, seltsamen bis unmöglichen Geschichten, mehr oder minder ver-änderten historischen und pseudo- historischen Begebenheiten, Novellen,