Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LIX/ 108, Wien 2005, 431-448
Chronik der Volkskunde
, Grenzen und Differenzen❝
Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen
35. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde inDresden 25. bis 28. September 2005
Die Wahl des Kongressthemas erwies sich in zweierlei Hinsicht als glück-lich: zum einen knüpfte man an Diskussionen im Fach an, die bereits aufdem vorangegangenen Kongress in Berlin geführt worden waren, zumanderen trug die Wahl der besonderen geographischen Lage des Tagungs-ortes Dresden Rechnung, worauf der DGV- Vorsitzende Thomas Hengartnerin seinem Begrüßungswort hinwies. Als moderne, kritisch- reflexive Ethno-graphie wolle die Volkskunde auf diesem Kongress einen Beitrag zur Ana-lyse des gesellschaftlichen Daseins leisten, und der Begriff der Grenze solledabei als Leitmotiv für die Erklärung und das Verstehen gegenwärtigerpolitischer und gesellschaftlicher Transformationsprozesse aufgefasst wer-den. Als Mitveranstalter zeichnete das Institut für Sächsische Geschichteund Volkskunde( ISGV) verantwortlich, dessen volkskundliche Mitarbeiterunter der Leitung von Johannes Moser die Last der Organisation zu tragenhatten. In den Räumlichkeiten der Technischen Universität sowie des Deut-schen Hygiene- Museums trafen sich rund 470 Kongressteilnehmer, um invier Tagen rund 60 Vorträge zu hören und zu diskutieren.
Im Eröffnungsvortrag entwickelte Karl Braun den Gedanken, dass Kulturals ein System der Grenzsetzung im imaginären Raum verstanden werdenkann. Veränderungen im ökonomischen System verlangen nach Verände-rung des Symbolsystems und bewirken damit Grenzverschiebungen imimaginären Raum. In der symbolischen Grenze und ihren Veränderungenkommt der Konstruktcharakter von Kultur deutlich zum Ausdruck. DenEinsichten des ,, linguistic turn" folgend, stellen die Grenzen der Sprachedie Grenzen der Erkenntnisfähigkeit dar( L. Wittgenstein); die Bedeutungeines Wortes wird durch seinen Gebrauch in der Sprache konstituiert:Wortverwendung bedeutet Handeln, soziales Handeln. Diese Performanzmuss Regeln folgen, um verständlich zu sein; sozialer Wandel wiederumdrückt sich in der Verschiebung jener Regelhaftigkeit aus. Diese Konstruk-tion der symbolischen Struktur im imaginären Raum entsteht durch Grenz-