Jahrgang 
108 (2005) / N.S. 59
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIX/ 108

FUCHS, Brigitte: ,, Rasse,, Volk", Geschlecht. Anthropologische Dis-kurse in Österreich 1850-1960. Frankfurt am Main u.a., Campus, 2003, 385Seiten, Abb.

Im Zuge der kolonialen Expansion Europas formierte sich die neue Wissen-schaft der Anthropologie. Sie diente vorzugsweise der Systematisierungeiner Vielzahl verschiedener Rassentheorien, die bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts zu einem Chaos sich überschneidender und widersprechenderSysteme ausuferten. Fast jeder Autor hatte seine eigene Definition vonRasse, doch allen gemeinsam war die Gleichsetzung von höheren Rassenmit den weißen Europäern, wobei, der, weiße' bürgerliche Mann als, nor-mal' definiert wurde, während Frauen und nichteuropäische, Rassen' das, Andere, zusehends das, Degenerierte und Pathologische( Umschlag,Rückseite) darstellten, wie Brigitte Fuchs in ihrem Buch ,,, Rasse' ,, Volk'und Geschlecht", ausführt. Sie setzt dabei die beiden Begriffe ,, Volk" und,, Rasse" in distanzierende Anführungszeichen, so dass deutlich wird, dasses sich hierbei nicht um ihre Begrifflichkeit handelt.

An Hand der ,, New Card of Europe for the Year 1877" des Briten FrederikRose, auf der Nationen mit weltpolitischer Relevanz mittels männlicherAllegorien dargestellt werden und Weiblichkeit generell die weniger bedeu-tenden Nationalstaaten kennzeichnet, versucht Fuchs die damals vor-herrschende ,, rassistische und sexistische Repräsentationsform globalerMachtdifferenzen aufzuzeigen, deren ,, Vorstellung von Welt( S. 14) siebis in die Gegenwart prolongiert sieht.

Sie untersucht demnach akribisch die ,, Überschneidungen und Überkreu-zungen( S. 16) von rassistischen und sexistischen Erörterungen über Frau,Rasse, Volk, Kultur ,,, Mischung und, Entmischung( S. 123, 121) imhistorischen Kontext zu Europa bzw. dem ,, Westen" im Allgemeinen und zuÖsterreich im Besonderen( S. 14). Sie knüpft dabei vor allem an die Überle-gungen von Etienne Balibar und Anne McClintock über die ,, genealogischeStruktur universalistischer Diskurse( S. 17) an und es gelingt ihr inbeeindruckender Weise, zahlreiche Autoren und deren anthropologischesSchrifttum im historischen Kontext theoretisch sowie politisch zu posi-tionieren.

Dabei bemüht sie sich aufzuzeigen, wie spezifische Annahmen über diemenschliche Abstammung schließlich im Rahmen einer ,, Politik der Entmi-schung"( S. 235), die ,,, wilde' Frauen Glossar ::: zum Glossareintrag  Frauen, Juden und gemischte Rassen'symbolisch in Beziehung( S. 18) setzte, zur Grundlage für die rassistischeIdeologie des Nationalsozialismus wurden; wenngleich angemerkt werdensollte, dass eine geradlinige und widerspruchsfreie Kontinuität rassistischfundierter Theorien von der Aufklärung bis hinein in den Nationalsozialis-