2005, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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rung der NS- Rassengesetze. Sie- die Anthropologen- schufen in geradezugrotesk anmutender Weise, die letzte Klarheit: Nicht Jude oder Jude, lebens-wert oder nicht lebenswert.
Nach dem Ende des Nationalsozialismus erfolgte, wie Fuchs im Epilogausführt, keine Neuorientierung der Anthropologie als Fach, sondern sieentfernte sich von der NS- Anthropologie nur dort ,,, wo sie schon in derZwischenkriegszeit abweichende Standpunkte vertreten hatte“( S. 315).Schade, dass die Buchautorin den von absurden Rechtfertigungen undschamlosen Ausreden gekennzeichneten Diskurs in der Zeit zwischen 1945und 1960 nur kursorisch untersucht.
Insgesamt gesehen, werden die Leser/ innen das Buch von Brigitte Fuchskaum unbelehrt aus der Hand legen. Die hohe Dichte an besprochenenAutoren verschiedener nationaler Provenienz samt ihrer Theorienkonzepteund das hohe Niveau von Fuchs' Analysen unter Betonung des feministischenZugangs erfordern von den Leser/ innen zumindest laienhafte Vorkenntnisse,um nicht an einem nachhaltigen Erkenntnisgewinn zu( ver) zweifeln.
Gelegentliche, subjektiv empfundene Lücken, wie z.B. der nicht berück-sichtigte nachhaltige Diskurs deutscher und österreichischer Anthropologenüber die Mischehenfrage Glossar ::: zum Glossareintrag Mischehenfrage, oder der( vermeintlich) zu einseitige Blickwinkelder Buchautorin im Rahmen einer überzogen scheinenden Kritik an derMutterschaftsidealisierung, mögen vielleicht da oder dort Widerspruch provo-zieren, trüben aber keinesfalls den durchwegs positiven Gesamteindruck.
Lässt man sich auf das von Fuchs vorgegebene anspruchsvolle reflekto-rische Niveau ein, können viele neue historische Einblicke auf den Men-schen im Feld der interdisziplinär stark aufgefächerten Anthropologie ge-wonnen werden. Vor allem jenen, die sich intensiv und detailliert mitRassismus und Rassentheorien im historischen Kontext auseinandersetzenwollen und gleichsam auch die notwendige Sympathie für feministischeTheorienbildung aufbringen, sei dieses Buch auf Grund seiner intellektuel-len Anreize sehr empfohlen.
Karl Pusman
RICHTER, Lukas: Der Berliner Gassenhauer. Darstellung- Dokumen-te- Sammlung. Mit einem Register neu herausgegeben vom DeutschenVolksliedarchiv.(= Volksliedstudien, hg. im Auftrag des Deutschen Volks-liedarchivs von Nils Grosch und Max Matter, Band 4). Münster/ New York/München/ Berlin, Waxmann, 2004. 469 Seiten, 30 Abb., zahlr. Notenbsp.
Die Editoren des vorliegenden Bandes der vom Deutschen Volkliedarchivin Freiburg im Breisgau herausgegebenen Reihe ,, Volksliedstudien" haben