2005, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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GAUSZ, Karl- Markus: Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone.Mit Fotografien von Kurt Kaindl. Salzburg, Otto Müller Verlag, 2005, 88Seiten, s/ w- Abb., Compact Disc.
Der Titel dieses schmalen Bändchens könnte stutzig machen, ebenso wiedas Ansinnen, die Arbeit eines Literaten hier in einer volkskundlichenZeitschrift vorstellen zu wollen. Denn mit ,, Wirtshausgesprächen“ ver-bindet man nicht gerade sensibles und reflektiertes ethnographisches Hin-sehen, und literarische Auseinandersetzungen mit der Ost- Westthematikkann man auch im Feuilleton, auf den Reiseseiten oder in den Bord- Maga-zinen der Fluglinien finden. Karl- Markus Gauß, seit Jahren aufmerksamerChronist und kritischer Begleiter des neuen Europa', hebt sich von all demwohltuend ab: ohne selbst den Anspruch auf eine besondere Methode zuformulieren und weit entfernt von jedem journalistischen Exotismus, ver-dient seine Herangehensweise Beachtung als literarische Ethnographie er-sten Ranges.
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Der Band versammelt zehn Essays, die anlässlich der sog. Osterweiterungder Europäischen Union im Mai 2004 als Serie in der Tageszeitung ,, DerStandard" erschienen ist. Gauß bereiste im Winter und Frühjahr 2004 diemeisten der Beitrittsländer, beobachtete, suchte das Gespräch und hielt fest,was ihm im Hinblick auf die Veränderungen in den Alltagen der besuchtenStädte und Dörfer bemerkenswert erschien. Seine Befunde sind dabei ver-blüffend nahe an jenen der kultur- und sozialwissenschaftlichen Transfor-mationsforschung und verifizieren mitunter ihre Theorien in narrativerAnschaulichkeit. So könnte man den Band fast durchwegs auch als Ethno-graphie neuer Grenzziehungen im Zeitalter sog. Entgrenzung lesen, dennder europäische Integrationsprozess produziert – wie Gauß etwa in seinenReportagen ,, Narwa, Estland“ und„, Prešov, Slowakei“ zeigt- neue Gren-zen, nach außen wie auch im Inneren. Gauß skizziert nicht nur, was Trans-formation( ein problematischer Begriff) im Bild der Städte bewirkt( ,, Riga,Lettland"), sondern fragt vor allem danach, was dabei mit den Leutengeschieht. Wo er nahe an den Akteuren ist, werden dann auch seine Berichteund Analysen am dichtesten( ,, Krakau, Polen“), während dort, wo eigeneErinnerungen an vergangene Aufenthalte in den Vordergrund rücken, sichmitunter Stereotypes unter seine Ausführungen mischt- wie etwa in demistrischen Essay( ,, Piran, Slowenien“), in dem das gängige Bild von Slowe-nien und mehr noch von Istrien als„, Europa im Kleinen[...], an demvielleicht das Große seine Probe halten wird"( S. 57) doch recht unkritischübernommen wird.