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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIX/ 108
Ansonsten besitzen die als Reportagen naturgemäß mehr synchron ange-legten Texte durchaus historische Tiefenschärfe, sie lassen ein sensiblesGespür für die Geschichtlichkeit der Gegenwart und für die Gleichzeitigkeitder Gedächtnisse erkennen( ,, Prachatice, Tschechien“) und sie zeigen, dassdie ,, Westerweiterung“( wie Gauß den Prozess treffender Weise zu nennenvorschlägt) nicht allein das östliche Europa belangen, sondern weit in diewesteuropäischen Alltage hereinreichen. Wenn Ungarn immer deutscher,Deutschland immer ungarischer wird, wie ein Pendler und Gesprächspartnerdes Autors im Speisewagen des ,, Bártok- Béla- Express" meint, dann bewah-ren sich Eigenheiten vielleicht besonders im transnationalen Dazwischen.Dazu passt dann auch, dass im Falle des Textes über Zypern eine, ethnogra-phische Reise in ein Salzburger griechisches Lokal genügt, wo ein türkisch-zypriotischer Kellner Dienst tut und über das Situative europäischer Identi-täten räsoniert. Solchen hybriden Situationen gilt Gauß Interesse, dochmehr noch wie bereits in seinen letzten Büchern den europäischenPeripherien, also jenen nicht allein räumlich aufzufassenden Regionen, wosich einerseits die Moderne als ,, Ruinenbaumeister" erweist und anderer-seits das Überkommene ,, verstörend, verlockend ins Neue[ ragt]“( S. 81).Wollte man die Lektüre dieses Bändchen zusammenfassen, so bliebeneben dem anregenden Genuss, den sie beschert, auch der Wunsch zurück,solches zum Anlass für eine neue Auseinandersetzung über methodischeVielfalt in der Ethnographie und Kulturanalyse und ihre Text- und Wissens-formen zu nehmen. Denn schließlich könnte man die Essays auch als eindiskretes Plädoyer für eine neue Interdisziplinarität zwischen Kunst undWissenschaft verstehen.
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Bernhard Tschofen
DINHOBL, Günter( Hg.): Eisenbahn/ Kultur- Railway/ Culture(= Mit-teilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Sonderband 7). Innsbruck,Wien, Studien- Verlag, 2004. s/ w- Abb.
Eisenbahn und Kultur müssen sich nicht widersprechen- mit diesem Plä-doyer beginnt ein Band, der einerseits wichtige Fragen aufwirft, andererseitsoffene Türen einrennt. Dennoch bleibt der Leser etwas verwirrt zurück: Zuviele Aspekte, zu viele Text- und Bildformen stehen unverbunden nebenein-ander, Analyse, Essay und Kunst, mal deutsch, mal englisch, im Vortrags-,Lyrik- oder Aufsatzstil. So unverbindlich der Titel, so sprunghaft wirkt dasganze Werk.
Um dieses Buch zu verstehen, muss man seine Genese kennen. AmAnfang stand eine Workshopreihe aus dem Jahr 2001, begleitet von einem