Aufsatz in einer Zeitschrift 
Das ungarische Mariazell : oder: Die politische Neubewertung einer religiösen Leitfigur
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LIII/ 102, Wien 1999, 1-20

Das ungarische Mariazell

oder: Die politische Neubewertung einer religiösen Leitfigur

Christian Stadelmann

1991 wurde der Leichnam des Fürsterzbischofs Jószef Mind-szenty von Mariazell nach Esztergom überführt. Der Kardinalhatte die letzten Jahre seines Lebens, 1971 bis 1975, imösterreichischen Exil zugebracht und von dort aus gegen daskommunistische System in seiner Heimat agitiert. Testamen-tarisch hatte er verfügt, daß er so lange in Mariazell bestattetsein wolle, bis ,, über dem Land Mariens und des heiligenStephan der Stern des Moskauer Unglaubens herniedergefal-len ist. Die Überführung ist in eine Phase relativer politischerDesorientierung der mitteleuropäischen Staaten gefallen. Fürein politisches Konzept, das auf einen österreichisch- ungari-schen Kulturraum abzielte, fehlten die wirtschaftliche Kraftund konkrete kulturelle Anknüpfungspunkte. Mindszenty, derzeitlebens ein legitimistisches Bewußtsein vorgetragen hatte,das historisch tief gründete und aggressiv antikommunistischgeprägt war, geriet zu einem wichtigen Symbol für die Ge-meinsamkeiten Ungarns und Österreichs, seine Wiederbestat-tung wurde dementsprechend gestaltet.

Am Mittag des 3. Mai 1991 findet vor der Pfarrkirche von Nickelsdorfan der ungarisch- österreichischen Grenze bei regnerischer Witterungein ,, Internationaler Festakt" statt. Es spielt die burgenländischeMilitärmusik auf; Landeshauptmann Johann Sipötz, die Außenmini-ster von Österreich und Ungarn, Alois Mock und Géza Jeszenszky,sowie Diözesanbischof Stefan László sind die Festredner. Sipötzspricht von einem ,, Signal für einen Aufbruch zu einem gemeinsamenEuropa und einer ,, neuen Qualität der Nachbarschaft", Mock hebtdie Rolle Österreichs als Flüchtlings- und Asylland hervor, und seinungarischer Amtskollege bestätigt ihm, daß kein anderes Land sovielfür die Ungarn- Flüchtlinge von 1956 getan habe'.

1 Kurier. Unabhängige Tageszeitung für Österreich, 4.5.1991, S. 18 und KleineZeitung, 4.5.1991, S. 8 f.