Aufsatz in einer Zeitschrift 
Über Grenzen : ein volkskundlich-soziologischer Grenzumgang im „europäischen Haus“
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LIII/ 102, Wien 1999, 21-48

Über Grenzen

Ein volkskundlich- soziologischer Grenzumgangim ,, europäischen Haus"

Peter F. N. Hörz

Bald ein Jahrzehnt ist seit der Öffnung Ostmitteleuropas ver-gangen. Das Abkommen von Schengen beschert den EU- Bür-gern im Vertragsraum freies Reisen und im bargeldlosen Zah-lungsverkehr ist die Euro- Währung bereits in Kraft. Dochüber das Verschwinden der Grenzen will nicht nur Freudeaufkommen. Während sich nationale Trennlinien verwischenund eine Entwicklung verläuft, die man als ,, Globalisierung"bezeichnet, werden wieder verstärkt Zäune und Mauern auf-gerichtet. Zumindest in Geist und Psyche werden wiederGrenzen gezogen. Zu lange spielten Grenzen in der Geschich-te eine zu wichtige kulturelle Rolle, als daß sich die politischund ökonomisch gewollte Entgrenzung kurzfristig durchset-zen könnte.

Prolog

Der polnische Theologiestudent aus Oberschlesien ist sichtlich er-regt: Während der knapp sechsstündigen Bahnfahrt mit dem Eurocity, Sobieski nach Wien werde man unentwegt von Kontrollen belästigt.Nicht nur, daß das Bahnpersonal aller drei an diesem Zuglauf betei-ligten Bahnverwaltungen, der polnischen, tschechischen und öster-reichischen, nach Fahrkarten und Reservierungsscheinen fragt, nein,vor allem die dauernden Paß- und Zollkontrollen sind es, die demGaststudenten an der Wiener Universität zuwider sind: Kaum hat sichder Zug in Katowice in Bewegung gesetzt, erscheint der polnischeTrupp: Paẞnummern werden mit Fahndungslisten verglichen; einZollbediensteter fragt nach auszuführenden Devisen. Der harscheTonfall der Beamten flößt den Reisenden Respekt ein. Die strengenFalten in den Uniformröcken der Polizisten und der polnische Adlerauf den Mützen der Beamten unterstreichen den amtlichen Charakterder Handlung. Auf der polnisch- tschechischen Grenzstation, einem-