Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
Seite
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1999, Heft 1

Chronik der Volkskunde

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Wahrnehmung und Perspektive.

Veränderungen im burgenländisch- slowakisch- ungarischen

Grenzraum

Bericht über die 11. Burgenländischen Forschungstageim Schloß Kittsee vom 12.- 13. November 1998

Bereits der ansprechend gestaltete Ankündigungsfolder weckte die Vorfreu-de auf diese hervorragend konzipierte Veranstaltung zur Wahrnehmung desburgenländisch- slowakisch- ungarischen Grenzraumes, ließ er doch ein viel-fältiges und ausgewogenes Tagungsprogramm erkennen. Von zehn Referen-tInnen kamen zwei aus Ungarn, zwei aus der Slowakei, einer aus Polen( derzeit Wien) und eine aus Deutschland( bzw. derzeit Umea). Die Zusam-mensetzung der Vortragenden war nicht nur international, sondern auchinterdisziplinär: Die Fächer Politikwissenschaft, Soziologie, Ethnologie,Geographie, Psychologie, Pädagogik, Kunstgeschichte und Geschichte wa-ren vertreten. Der Zeitplan war mit ausreichenden Kaffee- und Mittagspau-sen den menschlichen Bedürfnissen angepaẞt. Schließlich wurde meineErwartung noch übertroffen. Die Tagung wurde sogar zu einem kulinari-schen Genuß, und auch in intellektueller Hinsicht war sie überaus anregend.Hier möchte ich vor allem das angenehme und produktive Diskussionsklimahervorheben. Klima, dieses Wort weckt in mir die einzige negative Erinne-rung an diesen Workshop: Nicht einmal die stimmungsvolle Kerzenbeleuch-tung brachte Wärme und Behaglichkeit in das herbstliche Schloß Kittsee.

Im Eröffnungsvortrag erörterte Nora Räthzel die gegenwärtigen Um-strukturierungsprozesse politischer und sozialer Grenzen in Europa. Siewies besonders darauf hin, daß die europäische Integration nicht nur zu einerVerlagerung der Grenzkontrollen nach außen führt, sondern auch zu einerErhöhung interner Kontrollen. Die Nationalstaaten würden ihre sozialeSchutzfunktion kaum mehr wahrnehmen, so daß der soziale Zusammenhaltvermehrt durch die Ausgrenzung von als gefährlich definierten Anderenhergestellt werden müsse, um interne Klüfte zu überwinden.

Im Abendprogramm des ersten Tages zeigte Rudolf Klaffenböck,Buchautor, Fotograf und Kabarettist, seine künstlerisch- phänomenologi-sche Annäherung an die österreichische West- Ost- Grenze. Dieser moderneApodemiker ist ein Grenzgänger im wahrsten Sinn des Wortes: aus derPerspektive des Wanderers beschreibt er( gemischt mit Selbstreflexionenund geh- philosophischen Betrachtungen) einfühlsam die Lebenswelt derGrenze in all ihrer Tragik, Skurrilität und Banalität. Das heiter- ernste Kaba-

1 Veranstalter war die Burgenländische Forschungsgemeinschaft in Zusammenar-beit mit interAREAS.