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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIII/ 102
zierten Blick auf die oft durch tagespolitische Interessen geprägten öffent-lichen Diskussionen rund um die europäischen Eẞkulturen und auf diemedienwirksam aufbereiteten Bedrohungsszenarien, wie sie nicht zuletztdurch die mit dem europäischen Integrationsprozeß verbundenen wirt-schaftlichen Interessen provoziert werden. Essen und kulturelle Identitätsind nicht von gesellschaftlichen Strukturen abkoppelbar, sondern unlösbarmit anderen soziokulturellen Ordnungs- und Differenzierungskategorienverbunden: das heißt, zu Fragen der regionalen oder nationalen Identitätgesellen sich solche nach Geschlecht, Klasse, Schicht, Lebensstil, Alter,Religion etc. Über Essen und Trinken vermittelte Identifikationsprozessesind also nie eindimensional an räumliche Referenzfelder gebunden, wie dieaktuellen öffentlichen Debatten um die europäischen Eẞkulturen häufigglauben machen wollen.
Die Beiträge des vorliegenden Bandes erweitern den Blick auf das Essenim Kontext des europäischen Integrationsprozesses sowohl in die Breite alsauch in die Tiefe und sind daher nicht nur als Einführung in die Thematik,sondern auch zur Vertiefung derselben zu empfehlen. Eine weiterführendewissenschaftliche Beschäftigung mit Essen und kultureller Identität er-scheint auch und gerade nach der Lektüre dieses umfangreichen Sammel-bandes sinnvoll und notwendig, da zahlreiche Fragen formuliert und neueForschungsfelder eröffnet wurden. Barlösius, Neumann und Teuteberg ha-ben in ihrem einführenden Beitrag fünf Problemfelder zusammengefaßt, diesich aus den insgesamt sehr unterschiedlichen Zugangsweisen der einzelnenAutor/ inn/ en herauskristallisieren lassen und die ihrer Meinung nach zu-gleich künftige Schwerpunkte der Forschung abgeben können. Es sind diesFragen nach der Bildung kultureller Identität durch alimentäre Vorgänge,nach der räumlichen Dimension von Essen und Identität, nach dem Verhält-nis von Natur und Kultur, nach dem Verhältnis von Faktischem und Fiktio-nalem sowie jene nach der Konstruktion von Differenzierungskategorienwie Geschlecht oder sozialer Schicht.
Susanne Breuss
SCHWIBBE, Gudrun( Hg.): Kneipenkultur. Untersuchungen rund umdie Theke. Münster/ New York/ München/ Berlin, Waxmann- Verlag, 1998.246 Seiten.
,, Kneipen gehören in Deutschland- ebenso wie Kaffeehäuser in Österreichoder Pubs in England und Irland- zu den zentralen Institutionen der All-tagskultur." So die Einleitung zum vorliegenden Band. Die Gaststätte alsbedeutende Institution der Alltagskultur hat im volkskundlichen For-