Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIII/ 102

methodischer Schärfe und inhaltlicher Offenheit näherzukommen. Undauch ein gutes Beispiel dafür, wie volkskundliche Lehre und Forschung im,, wirklichen Leben stattfinden und in publizierter Form ihren Niederschlagfinden können.

Wolfgang Slapansky

RADAUŠ RIBARIĆ, Jelka: Ženska narodna nošja u Istri. Zagreb, Institutza etnologiju i folkloristiku, 1997, 424 Seiten, 214 Abb., 6 Karten, Bibliogr.,ital.( S. 314-363) und engl.( S. 366–416).

Wir leben in einer Zeit der wachsenden Beschleunigung des Alltagstempos.Unter dem Druck dieser Hast stehen auch die Forscher. Forschungsprojektewerden zur Zeit für die Dauer von zwei, drei oder höchstens vier Jahrengeplant, die Forschungsergebnisse können dank der elektronischen Medienin Echtzeit veröffentlicht und weltweit verbreitet werden. Es folgen dannweitere Projekte, deren Ergebnisse die vorangegangenen ergänzen, korrigie-ren oder auch abstreiten können. Das Buch, von dem hier die Rede ist, istin einem anderen Zusammenhang zu betrachten. Es ist die Frucht jahrzehn-telanger Gedankenarbeit, und es sind wie die Verfasserin selbst im Vorworterwähnt- von ihren ersten Aufzeichnungen vor Ort aus dem Jahr 1946 biszum letzten Wort des Endkapitels volle 50 Jahre vergangen. Man darf dahermit Recht behaupten: Wir haben ein wohlüberlegtes und zu Ende gedachtesWerk erhalten, ein reifes Werk also. Im Klartext: ein Lebenswerk.

Die Aufgabe, die sich Jelka Radauš Ribarić vorgenommen hat, warkeinesfalls einfach. Die ländliche Frauenkleidung stellt nämlich eine an sichkomplexe Erscheinung dar. Der Raum, in dem die Verfasserin diese Erschei-nung zu erforschen beschloß, das Gebiet Istriens, ist zwar geographischabgerundet, in kultureller Hinsicht weist es jedoch wegen seines wechsel-haften historischen Schicksals mehrere Schichten auf, die sich teilweiseauch überlagern. Auch die Erscheinung selbst bot in der Zeit, in der dieVerfasserin forschte, ein uneinheitliches Bild: Stellenweise war die Frauen-tracht noch zum Teil im Alltag anzutreffen, in anderen Gebieten war sie aberschon längst verschwunden.

Wie ging also die Autorin an ihr Vorhaben heran? Sie betrachtete dieFrauenkleidung nicht als statisches, sondern als dynamisches Phänomen.Die Kleidung wurde im zeitlichen Prozeß erforscht und bearbeitet, indemdie Beschreibung der einzelnen Trachten den Zeitraum von der Mitte des19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts umfaßt, während bei den Deutungs-versuchen des Bekleidungskomplexes die vergangenen Geschichts-, Stil-