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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIII/ 102
Venedig mit seinen seltenen Zierbuchstaben und den elaborierten Druckor-namenten bis zu einem Epitaph- Threnos und einer Zusammenfassung derApostelakten aus dem 19. Jahrhundert sind 16 Exponate vertreten, derenAuswahl der Druckschriftenbibliograph des Athos, Thomas Papadopulos,getroffen hat( S. 646–657).
Den etwa 700 Seiten umfassenden, im Wortsinne ,, gewichtigen" Bandbeschließen eine Karte, eine Liste der für die einzelnen Themenbereiche derAusstellung zuständigen Verantwortlichen, ein Glossar( in dem allerdingseinige kunsthistorische Ausdrücke fehlen, S. 663-671), sowie eine umfas-sende Bibliographie von fast 1000 Eintragungen( S. 672-695). In jederHinsicht ein Band der Superlative, der ein weitgestreutes Publikum an-spricht und einen nachhaltigen Eindruck für alle jene vermittelt, die dasGlück hatten, die einmalige Ausstellung besichtigen zu können, sowie füralle jene, die die Reise nach Thessaloniki nicht antreten konnten und dieAusstellung versäumt haben; aber auch für alle jene, denen der Zugang zumHeiligen Berg verwehrt ist: etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung,die nach der communis opinio die bessere Hälfte bildet.
Walter Puchner
HOLZAPFEL, Renate: Leben im Asyl. Netzwerke und Strategien einerafghanischen Familie in Deutschland(= Notizen, 51). Frankfurt am Main1995, 172 Seiten, Abbildungen.
Ina- Maria Greverus schreibt in ihrem Vorwort über Renate Holzapfel, daß,, sie gleich alle drei anthropologischen, Königswege' beschritten hat"( S. 13). Gibt es ein größeres Lob?
Als Deutschlehrerin lernte Renate Holzapfel 1986 eine afghanischeFlüchtlingsfamilie kennen und wurde für sie zu einer wichtigen Bezugsper-son. Als intime Vertraute gibt sie in ihrem Buch Zeugnis vom Leben derFlüchtlinge in der deutschen Provinz, von der Isolation und Perspektivenlo-sigkeit der Fremden, deren Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit durchrechtliche Restriktionen auf ein Minimum beschränkt wird. Doch zeigt siediese Menschen keineswegs als passive Opfer; ihr Thema ist das sozialeHandeln der Asylwerber. Sie untersucht, welche Strategien und NetzwerkeMenschen zur Lebensbewältigung in einer Situation des Wartens und derUnsicherheit entwickeln. 1992 intensivierte Renate Holzapfel den Kontakt,in den Jahren 1993/94 führte sie die ethnographischen Erhebungen- Inter-views und teilnehmende Beobachtung- für ihre Studie durch.