1999, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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REITERER, Albert F.: Soziale Identität. Ethnizität und sozialer Wandel:Zur Entwicklung einer anthropologischen Struktur(= Europäische Hoch-schulschriften: Reihe 22, Soziologie, Bd. 321). Frankfurt am Main, Berlin,Bern, New York, Paris, Wien, Lang, 1998, 318 Seiten, Grafiken und Tabellen.
Der Politik- und Sozialwissenschafter Albert F. Reiterer bewies bereits inzahlreichen Publikationen zum Forschungsbereich Minderheiten, Ethnizitätund Nationalismus sein universelles Wissen, er schöpft aus der Erfahrungaller humanwissenschaftlichen Disziplinen, und sein umfassendes Interessewill sich nicht auf ,, kleine Fallstudien“ beschränken lassen. Sein jüngstesWerk über ,, soziale Identität“ versteht sich als eine ,, Theorie der Ethniziätals evolutorischer Theorie identitärer Entwicklung“( S. 16). Solch ein muti-ges und ehrgeiziges Unternehmen, allgemeine Gesellschaftsanalyse ausuniversalgeschichtlicher Perspektive zu betreiben, steht so fern vom akade-mischen Alltag, daß es geradezu anachronistisch erscheinen mag. Ein derartgeneralistisches Unterfangen wird wahrscheinlich nur äußerst zweifelnd-wenn überhaupt- aufgenommen. Derartige Widerstände wurden von AlbertReiterer kalkuliert, beziehungsweise sie gehören zu seiner Erfahrung, wes-halb die Bezeichnung ,, akademisch“ in seinen Ohren pejorativ klingt. Ernennt seinen Stil ,, unakademisch“. Dieser Bezeichnung möchte ich michkeineswegs anschließen, da nach meinem Verständnis nicht ,, Unlesbarkeitund Unverständlichkeit“ sondern hohes theoretisches Niveau und damitnotwendig verbundene Abstraktion Charakteristika akademischen Stils sind.Albert Reiterer meint, er hätte sein Werk bewußt durch eine Reduktion vonLiteraturverweisen ,, entakademisiert“, doch sind die Belege für seine Aus-führungen gründlich und das Literaturverzeichnis( kleingedruckte elf Sei-ten) ist respekteinflößend, besonders wenn man die Vielfalt der Quellenbeachtet.
Ausgangspunkt der Überlegungen sind archaische Kulturen, in welchenEthnizität totalen Charakter besitzt und nach Reiterer mit der Lebensweltgleichgesetzt werden kann. Hier steht also nicht die Grenzstruktur im Zen-trum wie beim Ansatz der ,, symbolischen Ethnizität“ sondern die ,, lebens-weltliche Ethnizität“. Die Transformationen dieser ,, originären Ethnizität“beschreibt Reiterer als einen Prozeß der Entfaltung der Autonomie desIndividuums bei gleichzeitig steigender sozialer Interdependenz. Im Zugedieses Wandels kommt es zu immer umfassenderen sozialen Identitäten, imwesentlichen handelt es sich daher um Fusionsprozesse. Im Mittelpunkt derAnalyse steht das Problem sozialer Integration. Die unauflöslichen Gegen-sätze zwischen Individualismus und Kommunitarismus, Konflikt und Ko-operation, Antagonismus und Koordination, Homogenität und Heterogenitätwerden über das Prinzip der Ethnizität organisiert. Reiterer betont die