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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIII/ 102
SCHAFRANEK, Hans, unter Mitarbeit von Natalja Mussijenko: Kinder-heim Nr. 6: Österreichische und deutsche Kinder im sowjetischen Exil.Wien, Döcker Verlag, 1998, 208 Seiten, zahlr. Abb. ISBN 3-85115-265-4.
,, Die historische Forschung des deutschsprachigen Exils in der UdSSR hatin den 90er Jahren beachtliche Fortschritte erzielt.“( S. 11)
Deutschsprachige Forschende konnten in den ab 1991/92 geöffnetenArchiven der ehemaligen Sowjetunion bisher unbearbeitete Quellen nutzenund so alte Fragen beantworten oder neue Themenkomplexe anschneiden.Vielfach mußten sie bei ihrer Arbeit auch erkennen, daß bisherige Thesennicht zu halten waren. Die Geschichte österreichischer EmigrantInnen der30er Jahre in die Sowjetunion wurde bereits dokumentiert, das umfangreicheWerk ist in der ÖZV LII/ 101, Wien 1998, 112–116, vorgestellt worden.'
Bisher ausgespart blieben die Schicksale der Kinder und Jugendlichen,die 1934 als ,, Schutzbund- Kinder" meist ohne ihre Eltern in die Sowjetunionkamen. Im Zuge eines Projektes, gefördert durch das Bundesministerium fürWissenschaft und Forschung, konnte der Autor die Geschichte dieser Emi-grantInnen der zweiten Generation schreiben, die im Moskauer KinderheimNr. 6 ihre ersten Jahre in Sowjetrußland verbrachten.
Das ,, Tauwetter", das nach 1991/92 viele russische Archive auch westli-chen Forschenden zugänglich gemacht hatte, hielt nur wenige Monate an.Mittlerweile sind einige ,, brisante" Archive neuerlich auf 75 Jahre gesperrtworden. Oft gelang es nur mit Hilfe von russischen Kolleginnen, Zugang zuden Quellen zu erhalten. Hans Schafranek verdankt seine Ergebnisse denlangwierigen Recherchen von Natalja Mussijenko in Moskau. Sie ist Mitar-beiterin der ehemaligen Kommission zur Rehabilitierung von Opfern derpolitischen Repression und verfügt( e) damit über den Zugang zu Strafaktender sowjetischen Geheimpolizei NKWD. Da viele der ehemaligen Zöglingeals Ausländer mit der Geheimpolizei irgendwann, spätestens unter demstalinistischen Terror, in Kontakt kamen, sind diese Daten für die Rekon-struktion ihrer weiteren Schicksale ein unverzichtbarer Bestandteil. Erst-mals wurden auch die Aktenbestände des Archivs der Moskauer Schulver-waltung in einer Publikation ausgewertet: Zeugnisse, abgefangene Briefeder Kinder oder Eltern, Beurteilungen von Zöglingen, Tätigkeitsberichte derKinderheimleitung etc. Auf Materialien aus einigen anderen MoskauerArchiven und nicht zuletzt auf die lebensgeschichtlichen Interviews mitehemaligen Zöglingen und ErzieherInnen kann sich Hans Schafranek eben-falls stützen.
Wer waren diese Kinder? Sie waren Töchter und Söhne von gefallenen,verwundeten oder inhaftierten Februarkämpfern, deren Eltern in der( vonder im Untergrund agierenden Roten Hilfe Österreich angebotenen) Ausrei-