1999, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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VARVUNIS, M. G.: Θεωρητικά της Ελληνικής Λαογραφίας[ Theore-tisches zur Griechischen Volkskunde]. Athen, Ellinika Grammata, 1997, 171Seiten. ISBN 960-344-364-6.
NITSIAKOS, Vasilis G.: Acoypayikά etɛpókληtα[ VolkskundlichesVerschiedentliches]. Athen, Odysseas, 1997, 186 Seiten, Musiknoten. ISBN960-210-307-8.
Griechische Volkskundler der jüngeren Generation denken( laut und schrift-lich) darüber nach, was sie tun und warum, was noch zu tun ist. Der ersteBand ist zur Gänze dieser Selbstfindung und Standortbewertung gewidmet,der zweite zum Teil. Nach den wegweisenden Architekturstudien von G. A.Megas in den 50er Jahren, den Liedstudien von B. Bouvier und G. Saunierin den 60er Jahren, der soziologisch orientierten ,, Schule von Ioannina“ mitM. G. Meraklis in den 70er Jahren und den ideologiekritischen Vorstößenvon A. Kyriakidu- Nestoros in Richtung britische Sozialanthropologie siehtsich die griechische Volkskunde seit Jahren mit der Konkurrenz der ameri-kanischen Kulturanthropologie und der Sozialanthropologie französischerund englischer Provenienz konfrontiert, die die traditionelle Volkskunde undihre Archive und Quellen als methodisch veraltet schlechtweg negieren undohne ein Zitat übergehen und in der Zwischenzeit Dutzende von Monogra-phien über Dörfer in Griechenland hervorgebracht haben. Auch der Umbe-nennungswelle ist Griechenland nicht entgangen: nach dem Tod von Kyria-kidu- Nestoros wurde in Thessaloniki kein Volkskunde- Lehrstuhl mehr be-setzt, an der Universität Kreta wurde nie einer ausgeschrieben, an derUniversität Thrakien ist die Volkskunde als ,, Ethnologie" vertreten, an derÄgäis- Universität gibt es nur„ Sozialanthropologie“. Dabei haben dieNachwuchsvolkskundler selbst ihre Ausbildung neben Ioannina und Athenin England, Paris oder Brüssel erhalten. Ein Zustand also, der bedenklichstimmt und zum Nachdenken anregt. Die Reflexionen laufen im allgemeinendarauf hinaus, daß eine mehrschichtige Kulturanalyse einer Methodenviel-falt bedarf, die die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Ansätze zuläßt, jaerfordert, sodaẞ der Disziplinenstreit zwischen Volkskunde, Soziologie undSozialanthropologie unter den heutigen Umständen ein eher anachronisti-sches Unding ist. Die Volkskunde ist auch in Griechenland ihres traditionel-len Gegenstandes verlustig gegangen wie auch anderswo in Europa, so daßsie auch hier wie anderswo Alltagskultur untersucht, Kulturanalyse betreibt,Alltagsgeschichte, Geschichte des kleinen Mannes, mündliche Autobiogra-phien analysiert usw. Auf der anderen Seite geht vielen sozial- und kulturan-thropologischen Arbeiten der Ausländer trotz aller Forschungsaufenthalteund teilnehmenden Beobachtung die tiefere Feldkenntnis ab, der historischeHintergrund und die Möglichkeit des regionalen Vergleiches bzw. der Be-