Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
Seite
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1999, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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DREXLER, Martin W., Markus EIBLMAYR und Franziska MA-DERTHANER( Hg.): Idealzone Wien. Die schnellen Jahre 1978–1985.Wien, Falter- Verlag, 1998, 270 Seiten.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als es im Radio die Musicbox und Melodieexklusiv gab, als im Fernsehen Major Kottan ermittelte, die Medienszene durchdie Arenazeitung, den Falter und das Extrablatt bereichert wurde, und im fernenCordoba schließlich die österreichischen Fußballspieler die deutschen mit 3: 2besiegten? Das war die Zeit, als Buseks bunte Vögel gerade die ersten, nochetwas ungeschickt wirkenden Flügelschläge erprobten, der Rasen im Burggar-ten zur Sache der Staatssicherheit wurde, und überhaupt die Wienerstadt mitallerlei Neuem und Ungewohntem konfrontiert wurde. Die Rede ist von denJahren 1978 bis 1985. Wirken, im Nachhinein betrachtet, die frühen 70er Jahreetwas farblos und wenig konturiert, so kristallisierte sich um wenige Markstei-ne, etwa die Arena oder Zwentendorf, ein kulturelles Potential, das schließlichin der ,, Idealzone Wien" ihren Niederschlag finden sollte.

Natürlich ist bei Versuchen, Zeitgeist und Lebensgefühl einiger, nochnicht allzu lang zurückliegender Jahre zu rekonstruieren, immer die Gefahrder Idealisierung an Bord, und phasenweise ist ein zarter Hauch nostalgi-scher Verklärung auch spürbar, doch schaffen es die Autoren zumeist, durchIronie und Witz wiederum relativierend einzulenken. Die schnellen Jahre,das sei vorweg gesagt, beziehen sich vor allem auf Phänomene der Jugend-und Alternativszene Wiens, auf Film und Architektur, Musik und Design,Mode und Theater, und natürlich auf zeitgeistige, schrille Printmedien, diedieser Szene wiederum die geeignete Plattform gaben. Da geht es etwa umdie bunte Musikszene zwischen Punk und New Wave, die den Beweiserbracht hat, daß zum Musizieren die Beherrschung eines Instruments nichtunbedingt notwendig ist. Und es geht um Stadtmenschen, die dem Zeitgeistentsprechend zu Yuppies mutierten. Klein angefangen, viel Spaß gehabt, amrichtigen Ort die richtigen Leute getroffen, und es hat geklappt..

Dieser heroische Pioniergeist mancher heute etablierter Szeneprotagoni-sten wirkt auch im Nachhinein vielfach überheblich. Und wo bleiben dieMenschen, die den Szenen, Cliquen, Freundeskreisen und Seilschaften nichtangehörten? ,, Die lauen Jahre überschrieb Sigi Mattl seinen erfrischendenBeitrag, wobei er in prägnanter Form die Verwobenheit von Kulturleben undPolitik erläutert, die offizielle Kulturpolitik der Stadt Wien den gegenläufi-gen Trends der Alternativszene( Gassergasse, WUK etc.) gegenüberstellte.Und man sieht auch, wie wirtschaftliche Interessen( und auch Pleiten) derStadt die schnellen oder lauen Jahre( je nachdem) mitprägten.

Viel Szene und wenig Alltagsleben bietet der vorliegende Band, es ist einknapper Ausschnitt einer sicherlich kreativen Zeit, die vom ,, Mythos des