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Literatur der Volkskunde
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Augenblicks" und vom Mythos der Jugend geprägt war. Neben dem Auf-satzteil geben elf Interviews mit Vertretern der ,, schnellen Jahre" Einblickein Hintergründe und Verwobenheit der Szene. Schließlich rundet ein Who-is- who die zeitgeistige Zeitreise ab. ,, Szeneleute“ von A bis Z, von NicoleAdler bis Alfred Zeilinger, präsentieren ein ,, Panoptikum an Erinnerungen,Bildern und Zitaten“. Idealzone Wien, das ist ein reich illustrierter Streifzugdurch einen Ausschnitt des postmodernen Wien an einer kulturellen Bruchli-nie, ein durchaus brauchbares Zeitdokument zur Dechiffrierung einer Szene,die sich nach wenigen Jahren überholt hat, deren Nachwirkungen aber heutenoch zu spüren sind.
Wolfgang Slapansky
LANG, Barbara: Mythos Kreuzberg. Ethnographie eines Stadtteils( 1961-1995). Frankfurt am Main/ New York, Campus, 1998, 257 Seiten, 15s/ w- Abb.
Ethnographie in und über Kreuzberg- das klingt nach einer Hommage andie Szene, nach einer Liebeserklärung an eine städtische Sehnsuchtsland-schaft des alternativen Deutschland von einst. Doch das vorweg: BarbaraLangs Studie ,, Mythos Kreuzberg“ hält bei aller Kennerschaft und empathi-schen Nähe zu ihrem Feld und seinen Akteuren sichere Distanz zu denVerlockungen einer delikaten Milieugraphie. Das liegt zum einen in dem vonLang entwickelten Konzept der ,, symbolischen Gentrifizierung“, zum ande-ren in der methodischen Absicherung der Arbeit: insgesamt also hervorra-gende Voraussetzungen für eine Stadtethnologie, die sich nicht einmal mehrden vielfältigen urbanen Metamorphosen zum Trotz ihren anthropologi-schen Ort einrichtet, sondern sich die Durchlässigkeit von Stadtgestalt,Wahrnehmung und Diskurs zur Maxime macht.
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Kreuzberg zwischen 1961 und 1989 das deuten bereits die beidenMarken, Mauerbau“ und„ Mauerfall' an – war primär bestimmt durch seineLage. An drei Seiten von einer hermetischen Grenze umgeben, war es nichtnur Teil der Insel, als die Berlin aus bundesrepublikanischer Sicht stetserschienen war, sondern innerhalb dieser auch noch äußerster Rand, jadoppelte Enklave. Dies und die in den boomenden Gründerzeitjahren grund-gelegte proletarisch- kleinbürgerliche Struktur mit ihrer typischen Funkti-onsdurchmischung von Wohnen und Arbeiten( ,, Kreuzberger Mischung")sind die Voraussetzungen am Beginn der von Lang ins Auge gefaßtenVeränderungen: Veränderungen, die Kreuzberg von einem dank des niedri-gen Mietzinses bei der Bohème gefragten Sanierungsgebiet über ein um-