Aufsatz in einer Zeitschrift 
Kruzifix mit Blitzableiter
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LIII/ 102, Wien 1999, 289-336

Kruzifix mit Blitzableiter

Martin Scharfe

In jeder wirklich guten Anekdotesteckt der Keim zu einem Mythos.Arthur Schnitzler'

Im Frühsommer des Jahres 1823 wurde auf der Spitze desErzberges in der Steiermark mit großem Pomp und publizisti-schem Aufwand ein kolossales, aus heimischem Eisen gegos-senes Kruzifix aufgerichtet, das Erzherzog Johann gestiftethatte. Was freilich kaum irgendwo erwähnt wurde- wie wennes hätte verschwiegen werden sollen-, ist die Tatsache, daßan diesem Kreuz ein Blitzableiter angebracht war. Was bedeu-tet dieser Blitzableiter, und welche Aufschlüsse ergeben sich,wenn man das Erzberg- Kruzifix als eines der frühesten Berg-und Gipfelkreuze betrachtet? Solchen Fragen geht der Autornach und stellt die These auf: daß die Kulturgebärde Kruzifixbei scheinbar völlig ungebrochener Kontinuität der äußerenGestalt und bei identischem Aussehen von nun an etwasanderes bedeutet als bisher. Die kleine Studie versteht sichnicht nur als Beitrag zu einer Geschichte der Berg- undGipfelzeichen und damit zu einer Geschichte der dinglichenSymbole und Kulturgebärden, sondern auch als weiterer Bau-stein zur Kontinuitätsdebatte.

Das Bild

Im Besitz des Grafen Meran befindet sich ein Blatt, das MatthäusLoder( 1781-1828) aquarelliert hat, einer der sogenannten Kammer-maler des Erzherzogs Johann von Österreich. Dargestellt ist, wie manin der Unterschrift eines nach diesem Aquarell in gleicher Größe( etwa 36 x 54 cm) von Blasius Höfel in Wiener Neustadt gefertigtenund seinerzeit in einer Auflage von sechshundert Exemplaren verbrei-teten Stahlstiches lesen kann, die, Feyerliche Enthüllung und Ein-

1 Schnitzler, Arthur: Aphorismen und Betrachtungen. Band 1: Buch der Sprücheund Bedenken. Aphorismen und Fragmente. Frankfurt am Main 1993, S. 115.