Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
Seite
388
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LIII/ 102

Reisebilder. Produktion und Reproduktion touristischerWahrnehmung aus volkskundlicher Sicht

5. Arbeitstagung der Kommission Tourismusforschung in derDeutschen Gesellschaft für Volkskunde

vom 22. bis 24. April 1999 in München

55000

Gleich zu Beginn meines Berichts möchte ich einen Widerspruch anmeldenund damit ein Charakteristikum nicht bloß dieser Arbeitstagung der Kom-mission hervorheben: Denn das Appendix aus volkskundlicher Sicht"( es sei dahingestellt, ob in mehr defensiver oder mehr offensiver Absichtdem Untertitel der Tagung beigefügt) ist so nicht stimmig. Die Liste dersechzehn Referenten und Referentinnen weist neben Volkskundlern auchSoziologen und Kunsthistoriker aus. Die Tagung war interdisziplinär be-setzt, darin zeichnet sich das prinzipielle Bemühen innerhalb der Kommis-sion ab, systematisch die Vernetzung mit anderen Fachdisziplinen, aber auchaußeruniversitären Institutionen zu suchen, die sich mit dem ThemenkreisTourismus beschäftigen.

So unterschiedlich und gemischt die fachliche Herkunft, die Ansätze undErklärungsmodelle im einzelnen auch waren, so ähnlich wiederum warensich die Beiträge in ihrem Ausgangspunkt. Unter dem Titel ,, Reisebilder"konzentrierten sich die meisten Beiträge auf die mediale Ausstattung desReisens. Georg Habermehl etwa wertete unter anderem Stammbücher undJournale bürgerlicher Provenienz aus, wie sie sich seit 1770 zunehmend ineinem städtischen Umfeld finden, und beschrieb diese als frühe Vorbilderder romantischen Entdeckung Frankens als Landschaft. Maike Trentin-Mayer stellte eine Sammlung von Skizzen, Aquarellen, Ölbildern vor, diedie Münchner Brüder Schlagintweit auf ihren Forschungsreisen nach Indienund Hochasien Mitte des 19. Jahrhunderts angefertigt und schließlich zueinem Atlas ,, Results of A Scientific Mission to India and High Asiazusammengestellt hatten.

Elke Krasny und Nadia Rapp- Wimberger verwiesen in ihrem Referat überdie Wiener Journalistin und ,, Berufstouristin Alice Schalek auf die Ästhe-tisierung der Reiseerfahrung und die Nähe des Genres Reisefeuilleton zumKriegsbericht. Auch Ulla Siebert ging in ihrer Untersuchung von Reisetex-ten zwischen 1871 und 1914 auf spezifische Schreib- und Wahrheitsstrate-gien von Frauen ein. Ronald Lutz führte die modernste Form der autobio-graphischen Reisebeschreibung vor, die Erlebnisberichte unter anderem vonAlpinisten über extreme Bergtouren; er arbeitete heraus, wie hier imagonalen Muster des Duells der Berg zum Gegner, also anthropologisiertwird und gleichzeitig dieses Duell zur Begegnung mit der eigenen Naturstilisiert wird.

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