Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LIII/ 102, Wien 1999, 411-442
Literatur der Volkskunde
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WÖRNER, Martin: Vergnügen und Belehrung Volkskultur auf denWeltausstellungen 1851-1900. Münster, Waxmann, 1999, 345 Seiten, 214s/ w- Abb.
In wenigen Monaten wird es wieder soweit sein: Architekten und Ausstel-lungsmacher und dicht hinter ihnen Handels- und Tourismusvertreter wer-den sich im Namen ihrer Herkunftsländer in Hannover zu jenem opulentenKostümfest versammeln, das, obwohl seit Jahrzehnten für überfällig erklärt,gerade in den 90er Jahren eine so auffallende Wiederbelebung erfahren hat.Weltausstellungen haben sich gegenüber der pragmatischen Kritik an ihrenKosten- Nutzenrelationen offenbar als ebenso resistent erwiesen wie gegen-über allen avancierteren internationalen Kommunikationsforen. Die ver-meintlich altertümlichen Kategorien des Ortes, der nationalen Provenienz,der emphatischen Anschauung scheinen sich neuerlich( oder immer noch)mobilisieren zu lassen, wenn es darum geht, Modernisierungsschübe abzu-federn. Die aufsehenerregende Inszenierung von Technologie und Wissen-schaft war auf Weltausstellungen ja seit jeher verbunden mit der Folklori-sierung von Geschichte und Politik, das Fest des Fortschritts stets umgebenvon sentimentalen Rückblicken in verschwundene oder fremde Alltagskul-turen. Gerade der so wichtige Kompensationsaspekt von Weltausstellungenbeschäftigte in den letzten Jahren viele Forscher, und die Ethnographie hat-nicht zuletzt durch ihre eigene historische Verflechtung mit dem Medium-durchaus einige der interessantesten Überlegungen dazu beigetragen.
Es scheint daher überraschend, daß es nicht schon längst ein Übersichts-werk zur Volkskultur auf Weltausstellungen gibt, wie jenes, das MartinWörner nun vorgelegt hat. Wörner nimmt sich die ,, Inszenierung- also dasbewußte In- Szene- setzen- der unterschiedlichen Ausformungen der Volks-kultur der Ausstellungen das 19. Jahrhunderts vor. Die Konzentration aufdiese klassische Epoche begründet er am Beispiel Sevilla 1992 in derSchlußbetrachtung seines Buches: Es hat sich seither kaum etwas geändert.Die Schönheitskonkurrenz der Nationen folgt immer noch den gleicheneingespielten Mustern, schöpft aus den gleichen Motivrepertoires und wieim 19. Jahrhundert stützen sich vor allem solche Länder auf den Formen-schatz ihrer Volkskultur, die gegenüber westlichem Technikpomp ihre öko-nomischen und technologischen Defizite verbergen wollen.