Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
Seite
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1999, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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lung des Ländlichen Ende des Jahrhunderts ein Prestigefaktor werden konn-te, weil sie demonstrierte, daß man den ,, Weg des Fortschritts" direkt überdie bäuerliche Alltagskultur genommen habe. Angesichts dieser komplizier-ten Diskursverschiebungen wird verständlich, warum spätestens zur Jahr-hundertwende nun Ethnologen und Anthropologen zu einem Gutteil dieRegie der Ausstellungen übernahmen.

Doch von den vielen Überlegungen, die Wörner mit seiner Quellenfülle,mit zahlreichen Aussagen von zeitgenössischen Besuchern, von Kritikernund Ausstellungsgestaltern provoziert, spricht er nur wenige selber aus.Gerade dort, wo sich die Indizien besonders verdichten, wünscht man sichals Leser mehr Mut zur These und zum subjektiven Resümé, auch wenn mandie Vorsicht des Autors angesichts des überbordenden Dokumentenreich-tums verstehen kann. Diesen allein recherchiert und so überschaubar gebün-delt zu haben, lohnt dieses Buch.

Christian Rapp

WEIERMAIR, Peter( Hg.): Der Vogel Selbsterkenntnis. Aktuelle Künst-lerpositionen und Volkskunst. Zürich, New York, Edition Stemmle, 1998,152 Seiten, 101 Abbildungen.

Im Oktober letzten Jahres kam als Begleitpublikation zu der im TirolerVolkskunstmuseum stattgefundenen Ausstellung ein Katalogbuch heraus,das auch lange nach der Finissage Würdigung verdient. Seine Bedeutungbesteht nicht allein darin, mit ausgezeichnetem Fotomaterial die von 25internationalen Künstlern eingerichteten Installationen zu dokumentieren,sondern darüber hinaus mit den abgedruckten Texten zur zentralen Veröf-fentlichung eines die Ausstellung begleitenden Fachsymposions gewordenzu sein, welches das Verhältnis von Volkskunst und zeitgenössischer Kunstvermessen wollte. Der zu besprechende Katalog darf insofern als Plädoyerbezeichnet werden, als er für eine Überwindung von Teilkulturen eintritt undeine neue Qualität des Zusammenkommens von unterschiedlichen Denkwei-sen und methodischen Zugängen fokussiert.

,, Der Vogel Selbsterkenntnis, jenes allegorisch rätselhafte Objekt desTiroler Volkskunstmuseums( und länger schon Haus- Logo des Wiener Mu-seums für Volkskunde), greift sich an die Nase und erkennt die musealbewahrte Ordnung als Bestandteil eines ausgeklügelten Sinnsystems. Alsaugenfälliges Leitbild steht er einer Absicht vor Augen, mit Hilfe vonkünstlerischen Einmischungen einen Selbsterkenntnis- und Selbsterfah-rungsprozeß des Betrachters einzuleiten, der hier das Verhältnis von Tradi-