416
Literatur der Volkskunde
ÖZV LIII/ 102
OBERKOFLER, Gerhard: Universitätszeremoniell. Ein Biotop des Zeit-geistes. Wien, Passagen Verlag, 1999, 111 Seiten, 9 Abbildungen.
Gerhard Oberkofler, Professor für Neuere Geschichte und Wissenschaftsge-schichte an der Universität Innsbruck, begab sich in das dortige Archiv undtauchte ein in das ,, Biotop" Universität. Um ,, billige Kritik an akademischenKulissen“( S. 35) geht es hier nicht, das wird gleich klar, auch wenn dieSprache- vor allem was die Titel der kurzen Kapitel anlangt- mitunterpolemisch ausfällt. Alles Universitäre ist, so Oberkofler, sehr tiefgehend,ernst und wichtig. Was der Professor quer durch Zeiten und Gremienbeobachtet, entspricht nicht den hehren Zielen der Universität: Die Univer-sität ist schlecht, und der im Beobachteten enthaltenen Komik verschließtsich der Autor gänzlich, wohl aufgrund der oft zugegeben- drastischenFolgen.
_
Aus offiziellen Organen der Universität wie Zeitschriften und Jahrbü-chern oder der hauseigenen Internet- Seite, aus Festreden, der Tagespresseund Briefwechseln liest der Autor, welcher Umgang seitens der Universitätmit einzelnen Personen gepflegt wurde und wird. Aufnahme oder Ignoranzdurch höchste akademische Wissenschaftsgremien, Einladungen und Fest-akte sind Indikatoren der Wertschätzung und zugleich Ausdruck der jewei-ligen Machtverhältnisse. Zu den Festakten gehört unter anderem die Verlei-hung diverser Würden: Es wimmelt nur so vor Ehrensenatoren und anderenh. c.s, ganz abgesehen von den Professoren, deren es nach Thomas Bernhard( der neben einigen anderen Schriftstellern bemüht wird) in Österreich mehrgibt als Kellner und Kellnerinnen. Symbolträchtige Gegenstände wie dasZepter oder die akademische Tracht sind mehr als schmückendes Beiwerkzu den Zeremonien, sind Insignien der Macht. 1784 wurde der Talar abge-schafft, zu sehr erinnerte er Josef II. an ,, finstere Zeiten“. In Innsbruck kames 1924 zur Wiedereinführung der bei„, gegebenem Anlaß“ zu tragendenAmtskleidung; deren Schöpfer wurde sogleich zum Ehrenmitglied der Uni-versität erklärt.
Nur selten bringt Oberkofler Vergleichsbeispiele aus anderen Universitä-ten. Das erweckt den Eindruck, daß viele der beschriebenen Erscheinungennur in Innsbruck möglich seien. Einiges erklärt er aus der besonderenuniversitäts- geographischen Lage dieser Hochschule, prägend scheint dieAusrichtung nach Deutschland hin, etwa die problematische enge Koopera-tion mit dem ,, Deutschen Freundeskreis“. Jener Kreis setzt sich vor allemaus deutschen Großindustriellen zusammen und unterstützt die Leopold-Franzens- Uni seit 1922 ideell und materiell. Im Gegenzug erhalten seineMitglieder akademische Weihen. Hanns Martin Schleyer etwa wurde 1970feierlich zum Ehrensenator gemacht, ungeachtet seiner Tätigkeit als Reichs-